Warum ein Wochenende reicht

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Aussteigen – das muss ich üben

Feuer machen, Holz hacken oder einen Weg finden – das können wir doch alle nicht mehr. Ohne Strom oder Internet bräche alles zusammen. Bei einem Blackout wären wir alle tot.

Die in der Reportage beschriebene „Einsiedler“-Alm befindet sich im Epizentrum des alpenländischen Kitschtourismus, im Münchner Naherholungsbannkreis, wo es kein Dirndl ohne Dirndl, keinen Balkon ohne Geranienpracht geben darf. Almen, so unecht wie im Landhausmöbel-Katalog, gibt es im Werksviertel und in Trudering. Die „Einsiedler“- Alm ist jedoch real. Eine Zeitblase, ein Sonderfall.

In den 90er-Jahren verbrachte ich ein Wochenende auf der „Einsiedler“-Alm. Urlaub in den Bergen war alles andere als hip damals. Skifahren war okay, aber Wandern eine Renterbeschäftigung. Von Aussteigen war in der Boomzeit der Loveparade auch keine Rede. Wir freuten uns auf eine glückliche Internetzukunft und blühende Landschaften.

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Überraschenderweise war das „Einsiedler“- Wochende dann tatsächlich ein Mini-Ausstieg. Eine Freundin hatte mich auf ihre „private“ Alm mitgenommen, weil sich unsere kleinen Kinder gut vertrugen. Ich hatte keine Ahnung, was uns erwartete. Erst im Supermarkt in Oberaudorf, erfuhr ich nach und nach die Details: Kein Strom, kein Wasser, kein Netz. Proviant mit rauf, Müll wieder runter. Fertig.

Kein Problem, dachte ich. Doch unsere Kinder – „Gibt es noch Schokolade? Ich mag keinen Käse“ – hatten keine Aussteiger-Qualitäten. Da holten wir schnell die Sprüche der Großeltern heraus: „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen“. Und es war nicht viel, was auf den Tisch kam, denn die Kinder vermochten ihren Lebensmittelanteil nicht selbst hochzutragen.

Erstaunlich, aber der Mangel tat gut. Plötzlich wirkten Einschränkungen wie „zu viele Kalorien“ oder „kein Zucker wegen der Zähne“ allzu künstlich. Wenn gerecht geteilt wird sind sogar die Kinder zufrieden. Offensichtlich ging es vorher immer nur um „zweimal mehr wie du“.

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Die Kinder gruselte vor allem die Dunkelheit im Gebäude. In den Ecken rund ums Bett hingen unzählige Spinnweben, so dass die Kinder nicht einschlafen konnten. Die Kinder zu beruhigen, das hat mich vor mir selbst gerettet. Sonst wäre ich mit meiner Spinnenphobie durchgedreht, wo es doch weit und breit keinen Staubsauger gab.

Überhaupt zeigte die Begegnung mit Tieren unsere Entfremdung von der Natur am besten auf. Ängste vor Käfern, Ängste vor Stieren, aber gleichzeitig die Faszination beim Anblick von Krötenhöhlen und Biberbauten. Aus nervigen Quälgeistern – „Mir ist langweilig“ – entwickelte sich nach kurzer Zeit eine harmonische Truppe von Astrid-Lindgren-Bälgern, die den ganzen Tag in Wald und Wiesen unterwegs waren und vor Freude glühten.

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Ungestört ein Buch im Liegestuhl zu lesen war trotzdem nicht möglich, weil das Leben ohne Strom und Wasser viel Arbeit mit sich bringt. Man glaubt ja nicht, wie lange es dauern kann, wenn ein einziger Knopfdruck am Wasserkocher ersetzt werden muss. Diesen Gedanken weiterzuspinnen, deprimiert ungemein. Man müsste ja nur die Umspannwerke des Stromnetzes ausschalten und die ganze Zivilisation bräche zusammen. Klärwerke, Kühlungen, selbst Tankstellen funktionieren nicht ohne Strom. Von Kommunikation und Transportwesen gar nicht zu sprechen. Unsere handwerklichen Geschicke sind durch vereinfachende Computerprogramme und verlorenes Know How sehr eingeschränkt. Nähen, flicken, Häuser bauen, Tiere töten, häuten und zerlegen – nichts davon kann ich. Die Erfahrung, sich jede Mahlzeit selbst zu erbuckeln, macht geradezu demütig.

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Andererseits wurde mir bewusst, dass ich die Gefahren meiner Welt anders einstufen muss. Klar, die Allergien und Lebensmittelunverträglichkeit sind nicht ohne. Aber wenn ein Stierangriff oder Beinbruch vorliegt, bin ich ohne Arzt verloren. Aber wie könnte ich Hilfe rufen? Keine Netz und kein Telefon. Eine verletzte Person allein zurücklassen, um ins Dorf abzusteigen? Schwierig.

Insgesamt hat dieser Almaufenthalt mein Denken verändert. Die Eindrücke zwischen Begeisterung und Entsetzen war so aufwühlend, dass ich den Drang hatte, sie näher auszuloten. Zum Beispiel in einer Serie von Kurzgeschichten, die typische Vertreter unserer Zeit bei einem Kurzaufenthalt auf der Alm auf unterschiedliche Weise scheitern lässt. Gewissermaßen mein Ausstieg ins Kopfkino.

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Diese bösen, schwarzen Geschichten kann man lesen, hören und sehen. Mehr … sehbuch.com