Leben ohne Ausgleichssport

Leben ohne Ausgleichssport

Sieben Erwachsene, zwei Kinder und zwei Hunde leben in der Wagenburg Salenwang. Idyllisch das Alpenpanorama am Horizont, idyllisch das vor sich hin Werkeln der Bewohner. Ein alternatives Wohnprojekt von Individualisten mit einer anarchistischen Lebensphilosophie, wie sie überall gegründet werden, um sich dem Druck der Gesellschaft zu entziehen.

Eigentlich lebt nur ein Teil der Wagenburgler in Wägen. Denn das Areal besteht aus einem alten Bauernhaus samt Scheune, Silos, Schweinestall und einem Garten. Der Bauernhof hat bis vor einigen Jahren einer alten Frau gehört. Längere Zeit hat sie dort allein gewohnt. Die Äcker und das Vieh waren längst verkauft, die Gebäude fast schon verfallen, als sie dann starb.

Dann wurde das Anwesen in ebay Kleinanzeigen zum Verkauf angeboten.

Der weise Michi

Michis Frau Maria ist schwanger

… hat das Terrain gekauft und das Wohnprojekt ins Leben gerufen. Zuvor hat er in München in einer Wagenburg gelebt. Aufgewachsen ist er in einer spießigen, kleinbürgerlichen Umgebung. „Mein Leben läuft nach dem „Try and Error“-Prinzip ab. Erst war da die Erkenntnis: Zeitarbeit, Lohnsklavensystem – das ist nichts für mich. Da geh ich kaputt dabei.

„Mein Leben war eigentlich sehr bequem. 1700 Euro im Monat, geregelte Arbeitszeiten. Kumpels, mit denen man hinter den Paletten im Baumarkt mal einen durchziehen kann. Alles ganz nett, wenn man drauf steht. Das hätte ich Jahr und Tag weitermachen können. Aber ich wollte glücklich werden. Und glücklich war ich nicht.

Sobald ich meinen Bus da draußen fertig hab, hau ich ab nach Marokko. Oder wie es halt so kommt. Das Haus hier ist nur Mittel zum Zweck. Meine Frau ist schwanger und meine Tochter kommt im Herbst in die Schule. Bis dato hatte ich immer die Möglichkeit, mal zwei oder drei Monate abzuhauen. Jetzt kommt natürlich eine Ortsansässigkeit und Gebundenheit auf mich zu. Auf eine gewisse Zeit. Kann heißen, dass ich jetzt hier bleiben muss, bis die Kinder mündig sind. Und danach geh ich dann wieder richtig reisen. Bis dahin bereite ich halt vor und mach’s mir hier schön.“

Die geheimnisvolle Maria

… ist schwanger und die oben erwähnte Frau von Michi. Sie wohnen zusammen mit Michis Tochter im Bauernhaus. Obwohl das Haus auch keinen Komfort mit Zentralheizung bietet, wird sich das Leben für Maria nach der Geburt des Kindes sicher angenehmer gestalten als in einem Bauwagen. Schon allein, weil es Rückzugsmöglichkeiten gibt. Auch Annehmlichkeiten, wie im Winter nicht durch den Schnee ins Badezimmer stapfen zu müssen. Sogar eine Sauna hat Michi gebaut. Eine sehr lichte und freundliche Konstruktion mit zwei Fenstern und einem Ofen.

Maria ist die solideste Bewohnerin des Anwesens. Sie ist ausgebildete Krankenschwester, arbeitet aber derzeit in einem Altenheim in der Gegend.

Die spontane Sandra

Die Schule hab ich abgebrochen, Ausbildung auch. Dann hab ich später nochmal neu angefangen. Als Kindertagespflegerin eine Ausbildung gemacht, und jetzt mach ich Schmuck, den ich auf Festivals verkaufe.

In irgendeinem Sommer bin ich von Festival zu Festival gezogen und war lange unterwegs. Als ich in meine Wohnung zurückkam, wurde ich plötzlich total von der Enge erdrückt. Jetzt wohne ich in einem Bauwagen. Der ist klein und eng, erdrückt mich aber nicht.

Ich habe Leute um mich, kann mich aber auch zurückziehen.

Glücklicherweise harmonieren wir hier als Gruppe sehr. Letztes Jahr waren noch ein paar Mitbewohner da, die viel Streit verursacht haben. Aber seitdem die weg sind, passt es.

Der sorglose David

David will nach Afrika

… kommt aus Ebersberg und war ohne Geld in Australien unterwegs. Seine Erfahrung beschreibt er so: „Man darf halt keine Angst haben. Die anderen sind auch nur Menschen. Der Rest stößt einem zu.“

Losgefahren ist er mit 150 Euro. Die waren schnell weg. Aber selbst ohne Geld ging es irgendwie. Zusammen mit Leuten, die er zufällig getroffen hat, plünderte er Supermarkt-Müllcontainer.

„Das ist ja kein echter Abfall, sondern verpackte Lebensmittel, die da weggeworfen werden. Da ist nichts eklig.“

Bis er mit seinem wüstentauglichen Geländelaster Afrika ergründen kann, baut er den LKW um und lebt im umgebauten ehemaligen Schweinestall. David arbeitet als Baumpfleger. Eigentlich ist er von Beruf Heilerzieher für geistig Behinderte. Die Ausbildung hat alles in allem fünf Jahre gedauert.

„Abgesehen vom medizinischen Teil hätte ich mir das auch so beibringen können. Das ganze didaktische Zeug hat mir nichts gebracht. Noch nicht mal für die Steuererklärung.

Eigentlich beneide ich meinen Bruder. Der hat Kunstschlosser gelernt, kann schweißen, mit allen Maschinen umgehen und Pläne zeichnen. Ich brauche mehrere Anläufe, weil ich alles ausprobieren muss.

Aber ich hab Lust, meine Möbel und alles andere selber zu bauen.

Außerdem will ich eine billige Base haben, wo ich mein Zeug abstellen kann und auch mal für ein Jahr abhauen. Ich will einfach einen Hafen haben.“

Schwerti ist ein Einzelgänger

… hat sich einen blitzsauberen, optimierten Bauwagen mit zwei Ebenen gebaut. Am Eingang muss man sich die Schuhe ausziehen. Der Blick beim verfängt sich sofort auf demPodest im hinteren Teil des Wagens, das als Tonstudio errichtet ist. Im Vordergrund der Computertisch mit der bodenschonenden Plastikunterlage für den Chefsessel. Eine Treppe führt hinauf in den Schlafbereich.

Man könnte sich dieses Arrangement genausogut in einem Luxus-Wohnmobil oder in einem Weberhaus vorstellen. Alles wirkt ganz normal, solide, fast schon spießig.

Bad und Toilette befinden sich im Bauernhaus. Putzplan gibt es keinen. Nutzungsplan auch nicht. Irgendwie funktioniert das ohne Kollisionen.

Welch ein Glück. Denn Schwerti ist anders als die anderen Bewohner. Nicht mehr so jung. Nicht auf die gleiche Art begeistert. Begeistert schon, aber nicht von der gleichen Idee. Sein Plan zielt weiter, ist entstanden aus Lebenserfahrung und umfasst eine Strategie. Sein Wagen ist sein Schneckenhaus. Warum lebt er denn in einer Gemeinschaft?

„Mein Vorbild ist das Anastasia-Projekt aus Russland, das in Romanform Anleitung zum Überleben und Leben im Permafrost umschreibt. Auf meinem Acker krieg ich keine Baugenehmigung. Ich brauche aber einen Wohnraum. Daher der Bauwagen. Der ist ja mobil und unterliegt keinen Auflagen vom Bauamt.

Strom bekomme ich aus erneuerbaren Energien: Photovoltaik, Wind und Wasser. Ich bemühe mich aktuell darum, daraus ein Forschungsprojekt zu stricken. Das ist noch in der Schwebe. Es gibt ja noch nicht viele Versuche mit komplett selbstversorgender erneuerbarer Energie.

Auf dieses Wohnprojekt in Salenwang bin ich gekommen, weil ich Leute gesucht hab, die sich mit dem Ausbau von Bauwägen auskennen. Ich hab das noch nie gemacht. In einem Wagen zu leben, war nie meine Absicht. Es ist das Resultat der mangelnden Baugenehmigung. Ich bin jetzt seit einem halben Jahr in meinem Bauwagen und finde es super. Es fehlt mir an nichts.“

Carmen ist Schneiderin

.. und eine Landpomeranze. Sie hat fünf Jahre in Augsburg gewohnt, als sie ihre Ausbildung zur Schneiderin machte. Aber sie wollte gern zurück ins Allgäu, weil ihr das Stadtleben nicht taugt. Sie ist sehr strukturiert und klar. Die Werkstatt teilt sich in Bereiche wie Stofflager, Herstellung, Vertrieb und Kollektion. Die Stoffe bezieht Carmen von einem Großhändler in Augsburg und aus Sozialkaufhäusern, in denen sie alte, schöne und seltene Materialien erwirbt.

„Ich wollte eigentlich immer alleine wohnen. Dann hab ich aber die Anzeige vom Michi gelesen, dass er ein Hofprojekt starten möchte. Ich war zufällig gerade auf Wohnungssuche. Hier hab ich jetzt meine Werkstatt im Haus und bin selbständig. Meine Sachen verkaufe ich über Dawanda und über Facebook. Außerdem an Ständen auf Festivals, zusammen mit Sandra.

Hier hab ich jetzt meine Werkstatt im Haus und bin selbständig. Meine Sachen verkaufe ich über Dawanda und über Facebook. Außerdem an Ständen auf Festivals, zusammen mit Sandra. Meine Klamotten kommen gut an. Es ist herrlich, wenn auf Festivals Leute mit meinen Klamotten vorbeitanzen oder Anfragen von Veranstaltern aus Spanien kommen, ob ich nicht meine Sachen verkaufen möchte.

Wenn ich zu meinen Eltern fahre, dusche ich immer als erstes. Ich genieße es, dass da warmes Wasser aus der Leitung kommt. Aber gleichzeitig finde ich es unnatürlich. Als Kind hab ich das gar nicht in Frage gestellt.“

Der strenge Matthias

… kommt ursprünglich aus Dresden. Er ist mit seiner 7jährigen Tochter Marlene ins Allgäu gezogen.

Eines der beiden Silos hat er bereits in einen Wohnturm umgebaut. Eine Wendeltreppe führt in eine Art rundes Wohnzimmer. Weiter oben gibt es noch eine Schlafebene. Es ist zwar eng, aber auch kuschelig und warm. Einerseits wie in einer Höhle, andererseits wie in einem Wehrturm. Das ist doppelt abgeschieden. Eine neue Art von Haus im Haus. Seine Burg wird sogar noch erweitert. Matthias baut auch das zweite Silo aus und wird die beiden Türme dann mit einer Brücke im im 1. Stock verbinden. Wie „Pike“, die Burg der Greyjoys in Game of Thrones.

„Ich bin ein Aussteiger. Ich bin völlig konservativ aufgewachsen. Normale Eltern und zwei Schwestern. Als Kind in der DDR hab ich aber die Erfahrung gemacht, dass man nichts besitzen kann und trotzdem glücklich ist. Die neue Welt nach der Wende war dann krasser Konsum. Ich hab brav mitgemacht. Abitur, Studium, Frau, zwei Kinder. Wenn man so ein Wohnungsleben führt, hat man keine Zeit herauszufinden, wer man ist und was man will.

Ich hab gearbeitet und die Miete gezahlt. Den Strom gezahlt. Dann war kaum was übrig. Durch die Kinder waren wir dann schnell auf Hartz IV. In der Zeit hab ich fast schon einen Buckel bekommen. Dann Krebs. Weil ich so geknechtet war. Ein Sklave.

Durch Zufall, durch den Besuch bei einer Freundin, die sich einen Zirkuswagen umgebaut hatte, hat sich mir eine andere Welt eröffnet. Da konnte ich buchstäblich sehen, dass es anders geht. Es war ja kein Projekt, von dem man was gelesen hat, sondern unsere Freundin, die sowieso unsere Freundin war, die ihr Vorhaben umgesetzt hat. Und das hat funktioniert. Die Idee war bestechend. Ich habe noch ein Jahr meine Miete weiterbezahlt und gleichzeitig in einen Wagen investiert. Ihn umgebaut und so. So hat man mit wenig Geld immer ein Dach über dem Kopf und seine Freiheit wiedergewonnen.

Momentan gibt es einen echten Run auf die Wägen. Macht auch Sinn. Geld soll man nicht horten. Es ist nur Papier. Ein Wagen ist da wertstabiler. Und auch gesünder. Was braucht man außer einem Ofen, Wasser, um sich zu waschen, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Hat man mit einem Wagen. Und endlich spürt man die Jahreszeiten.“

Michi’s Quintessenz

Hipster, Veganer, Garten-Guerillas. Es gibt viele moderne Formen der Ökobewegung. Aber konform zu gehen mit dem vorgegebenen Materialismus macht nicht glücklich. Sachzwänge drängen sich immerzu nach vorne. Und die Zeit läuft immer schneller. Dann kommen die Zipperlein, Alzheimer und Demenz.

„Dass ich in Freiheit lebe, hab ich nie bereut. Es gibt sowieso kein Zurück. Den Holzmantel kriegt jeder zum Schluss. Ich hab Leute sterben sehen. Ein Teil von mir war sich immer schon bewusst, dass das Leben endlich ist. Musst halt mal in dich reinhorchen und dich fragen: Was sind meine Träume? Die muss ich verwirklichen. Konsequent oder mehr oder minder konsequent. Was kann schon schlimmstenfalls passieren? Dass ich sterbe? Das tu ich so oder so. Dass ich irgendwann mit leeren Taschen dastehe? Mit leeren Taschen bin ich auf die Welt gekommen und mit leeren Taschen muss ich wieder gehen. Wenn ich zwischendrin mal wieder leere Taschen hab, ist’s doch rille. Kann ich ja wieder arbeiten gehen. Alles im Leben ist geschenkt oder geliehen. Deswegen sehe dieses Anwesen auch nicht als meinen Besitz an. Es steht unter meiner Verantwortung. Schöne Privilegien sind auch dabei.“