Aussteigen übers Wochenende

Wir alle wollen raus. Natur. Freiheit. Weg sein. Aber radikal aussteigen nicht.

„Mog i ned,“ sagt der Bauer Josef R. Er ist ein drahtiger Mann mit roten Backen und schlechten Zähnen, der sich den Dreck an der Hose abwischt. Ein Aussteiger ist zwar auch er, doch auf seine Art: Ein Ausstieg ins Private. Er will keine Fotos seiner Person in der Zeitung oder im Internet sehen. Und keine Wegbeschreibung zu seiner Alm. Vor allem der Familienname soll geheim bleiben. Schließlich ist die ganze Gegend – der Hof, der Wald, der Weiler und die Alm – nach seiner Familie benannt.

Aufs Austragshäuserl hat der Bauer eine erste Warnung gesprüht. Ein Graffiti im Stil der Antifa: Zutritt verboten. Einfahrt freihalten. Privat.

Seine Haltung ist eindeutig. Er will nicht noch mehr Touristen. Für die Bergwanderer in bügelfreien Funktionshosen und Karohemden hat er keine Sympathie.

Ein Blick zum Gasthof gegenüber macht sofort klar, warum. Überall parken Cabrios und SUVs, der Parkplatz unterhalb der Wirtschaft, am künstlich angelegten See, ist schon voll. Kaiserwetter. Die Terrasse ist geöffnet. Ausflügler führen ihre Kinder zum Streichelgehege mit den Schafen und Ziegen. Ein blitzsauberes Alpen-Disney. Symbole einer Welt, die krank macht. Ein Strudel von Sattheit und trendigem Lifestyle.

Der Bauer lebt anders. Er ist immer noch Bauer, wie aus einer anderen Zeit entsprungen. Vom Alpen-Hype und Kitzbühel-Bussi-Bussi hält er nichts.

Und damit steht er nicht allein da. Viele wollen weg von aggressiver Werbeberieselung und den Schraubzwingen einer durchgetakteten Arbeitswelt. Viele wollen aussteigen. Erstmal nur für ein Wochenende. Versuchshalber.

Gegenüber, auf dem Parkplatz, rüsten sich die Wanderer für den Aufstieg. Auch sie wollen aussteigen, raus aus der Stadt. Sie träumen vom einfachen Leben in der Natur, auf einer einsamen Alm in den Bergen. Genau so eine einsame Alm besitzt der Bauer. Sie ist der Schauplatz für den Wochenend-Selbstversuch.

Der kleine Ausstieg – ein Selbstversuch

Die Idee, unweit von München eine Hütte ohne Elektrizität in Alleinlage für ein Wochenende anzumieten, ist eine Schnapsidee. Im Einzugsgebiet der Stadt München sind Mietobjekte Mangelware, Alleinlage existiert nicht. Die Bedingung „ohne Strom“ – ein Ding der Unmöglichkeit.

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Auswahlfilter

Aussteiger-Filter gibt es nicht. Aussteiger-Angebote auch nicht.

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Einsamkeit

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Natur

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erreichbar ohne Auto

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kein Luxus

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Unter den etwa 700 bayerischen Almen besteht am ehesten die Chance, eine Hütte ohne Elektrizität finden zu können. Die gibt es immer noch. Abseits der Touristenströme gelegen, sind sie weder mit Bergliften noch auf Zufahrtsstraßen erreichbar.

Suche nach einem Ausstiegsort für ein Wochenende

Für einen Probeausstieg sollte der Anfahrtsweg nicht länger als zwei Stunden dauern. Denn eine geplante Verweildauer von nur einem Wochenende soll die Hemmschwelle nehmen. Langfristige Mietobjekte fallen ganz aus dem Raster. Teurer Luxus und Alpenkitsch auch. Der Plan: Ein Ausstieg, so authentisch wie möglich.

Buchungsportal / Grafik
Buchungsportale sind untauglich für Aussteiger

In Portalen wie hüttenland.com werden die Suchkriterien für Wochenendaussteiger berücksichtigt. Doch von 303 angebotenen Almen lassen sich nur 4 Hütten in Alleinlage herausfiltern, die ohne Strom auskommen. Airbnb wirbt mit gebügelter Bettwäsche, booking.com bietet Duschhocker und Notrufleine im Bad. Ohne Strom gibt es nichts.

Angeboten werden Chalets, Berghütten für Paare und Romantikurlaube, Secret Escapes und Alpenüberquerung mit Gepäckservice. Das klingt nach Wellness und kommt deshalb nicht in Frage.

Weniger gewinnorientiert ist da der alpenverein.de, der allerdings in der Regel bewirtschaftete Almen und Hütten mit über 10 Schlafplätzen anbietet. Also Einsamkeitsfaktor Null.

Ganz auf Planung zu verzichten, ist keine gute Idee. Vor Ort rein zufällig auf das perfekte Hideaway zu stoßen, ist sehr unwahrscheinlich und strapaziert den Geldbeutel. Tipps von Freunden und Bekannten können hilfreich sein. Den perfekten Weg zur perfekten Aussteiger-Hütte gibt es nicht.

Die perfekte Alm für den Wochenend-Ausstieg

Auf einen Bauern wie Josef R. zu stoßen, war reine Glückssache. Der Weg zu ihm führte über die almschule.de. Im Werksviertel in München hat der Pfanni-Erbe Werner Eckart ein Projekt ins Leben gerufen, den Bau einer Alm auf einem Hochhausdach. Heute grast eine Schafherde dort oben. Die Erfahrung, wie gesund eine Alm für die Seele ist, hat der Erfinder der Rooftop-Holzhütte bei einem Aufenthalt auf der Alm von Bauer Josef gemacht. Um den Standort der Alm und die Identität des Bauern geheimzuhalten, nennen wir sie „Einsiedleralm“.

Wiese mit Alm
Foto: Angela Achille

Die Einsiedleralm von Bauer Josef liegt irgendwo im Inntal bei Oberaudorf auf 900 Metern über Null und ist nur zu Fuß erreichbar. Eigentlich befinden sich sogar zwei Gebäude im Einsiedler-Tal. Ein Stall und ein Wohngebäude, das seit 100 Jahren verpachtet ist und keinen wirtschaftlichen Zweck mehr erfüllt. Deshalb ist der Wanderweg dorthin weitgehend unpassierbar, nicht ausgeschildert oder in Wanderkarten vermerkt. Es gibt keine Sonnenterrasse und keine Jausenstation. Einsamkeit pur.

Das Vorhaben nimmt Gestalt an.

Vorbereitung auf den Mini-Ausstieg

Wenig Gepäck

Die Waage zwischen Konsumverweigerung und Unabdingbarem zu halten, ist nicht leicht. Was ist das Minimum für ein Wochenende? Nicht viel. Alles Ballast.

Anschaffungen sind überflüssig.

Ausrüstung

Ausstieg ist Verzicht

Männerbeine mit Schuhen // Foto: Stefanie Giesder

Schuhwerk

bequeme feste Schuhe mit Profilsohlen
$9

Rucksack

leicht und groß
$9
Regensimulator

Regenkleidung

mit Kapuze wasserdicht
$9

Proviant

nahrhaft und leicht wenig Verpackung
$9

wenig Verpackung

Bei einer neuen Ausrüstung spielt Geld keine unbedeutende Rolle. Outdoor-Spezialisten wie Globetrotter führen ein Wanderschuh-Sortiment, das mehrere hundert Modelle umfasst. Sich vom runtergesetzten Turnschuh für 50 Euro bis hin zum Bergstiefel, der das 10-fache kostet durchzuprobieren, kann Wochen in Anspruch nehmen.

Lieber die Schweinsledernen aus dem Keller holen. Ist ja keine Bergtour und auch nur für kurz. Verzicht gehört zum Aussteigen.

Die Witterung gilt es zu bedenken. Regen kommt im Gebirge oft überraschend, deshalb wird eine wasserabweisende Oberbekleidung angeraten. Eine Kapuze mit Stirnschirm ist nicht schlecht. Die Jacke sollte nach Möglichkeit leicht sein und in den Rucksack passen.

Überhaupt der Rucksack. Auch bei den Rucksäcken gibt es selbstverständlich Qualitäts- und Preisunterschiede. Selbstversorger haben außerdem noch Bedürfnisse, die über die des Wandertouristen hinausgehen. Viel Volumen also. Dabei soll sein Eigengewicht nicht zermürben.

Schick muss die Kleidung nicht sein. Ein Pullover, den man bei Bedarf ausziehen kann und mindestens zwei paar Socken sind genug. Halt das Standardprogramm bei Bergwanderungen.

Braucht ein Aussteiger Proviant?

Eigentlich schon. Es wäre anmaßend zu denken, man könne sich von Pilzen und Nüssen ernähren. Du bist ja kein Survival-Profi wie Rüdiger Nehberg.

Es gelten klare Regeln: Müll muss wieder mitgenommen werden. Nur was kompostierbar ist, bleibt auf der Alm. Die Größe des Rucksacks beschränkt die Packliste ebenfalls. Gut ist, was Platz spart, nahrhaft und leicht ist. Nudeln, Reis und Pesto bieten sich an. Butter könnte schmelzen, Schokolade auch. Äpfel und Kartoffeln sind schwer, deshalb Vorsicht bei ganzen Säcken. Trockenware wie Rosinen und Geräuchertes passen gut.

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Proviant

leicht. nahrhaft. wenig Verpackung

Fertigfood Summit

Schoko

$9
Energieriegel-Regal

Nudeln

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Bayern Voralpenland

Pesto

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Wege zum Ausstiegsort

Am schnellsten geht es über die Autobahn. Die Versuchsalm liegt verkehrstechnisch günstig an der A8, Anfahrt etwa eine Stunde. Sonntags dauert es länger. Morgens und abends der Hin- und der Rück-Stau.

Wahre Aussteiger bevorzugen das Fahrrad. Footprint und so. Für einen Wochenendaufenthalt ist eine ökologisch saubere Radl-Anfahrt unpraktisch. Wegen der reinen Fahrzeit von 6 Stunden sind mehr als zwei Hüttenübernachtungen nötig. Im Sommer ist für einen sportlichen Radfahrer die Fahrt aus München und der Anstieg zur Alm an einem Tag durchaus machbar. Das Radl muss man am Autoparkplatz stehen lassen.

Für einen Probeausstieg an einem Herbstwochenende tut es auch die weniger anstrengende Anfahrtsvariante mit der Bahn. Der Meridian fährt stündlich nach Kufstein.

Sich für ein Guten-Tag-Ticket für 23 € von Meridian zu entscheiden, könnte sich in finanzieller Hinsicht als Fehler herausstellen, denn der Wendelstein-Ring-Bus kostet zusätzlich 4,50 € .

Zug um Zug zur Aussteigeralm

Der Meridian fährt jede Stunde von München nach Kufstein. Abfahrt von Gleis 6. Wer sich am Münchner Hauptbahnhof nicht gut auskennt, hat schon an dieser Stelle die erste Hürde zu nehmen. Ganz weit hinten am Holzkirchner Bahnhof, einer Art Seitenschiff der Bahnhofs-Dreifaltigkeit, wartet der Zug. Die Strecke wird vormittags vorwiegend stadteinwärts genutzt. Sitzplätze sind also in Hülle und Fülle vorhanden. Es klappt. Zug überholt Bus in Oberaudorf.

Die Gegend wurde schon 1857 an das Schienennetz von Rosenheim nach Kiefersfelden angeschlossen, was einem aufkommenden Alpinismus Vorschub leistete. Gipfelstürmer und Sommerfrischler erholen sich dort. Seit 1983 hat sich die Anzahl der Touristen in Bayern mehr als verdoppelt. Der Trend hält an.

Immer höher hinaus

Die Sonne scheint, der Bus ist schwach besetzt. Ein paar ältere Dörfler und Jugendliche, die noch keinen Führerschein besitzen. Offenbar gibt auf der Wendelstein-Ringlinie normalerweise um diese Jahreszeit wohl keine Fahrgäste, die in Seebach aussteigen wollen, denn der Busfahrer reagiert nicht auf die Stop-Taste, nur auf lautes Geschrei. Er hält auf freier Strecke, um seinen Fehler wieder gut zu machen.

Der Weiler Seebach besteht aus nur drei Bauernhöfen und dem Buswartehäuserl.

Zwischen den Höfen hindurch führt der Weg hinauf zum See. Auf Google-Maps entsteht der Eindruck einer flachen zweidimensionalen Landschaft. Selbst im Herbst, bei gemäßigten Temperaturen treibt der Anstieg dem sofa-faulen Städter den Schweiß auf die Stirn. Der Pulli verschwindet im Rucksack. Erstes Fluchen über die dicken Wandersocken.

Der Aufstieg in den Ausstieg
Herbstlicher Bichlersee
Ruhig und menschenleer – der See im Herbst

Das Handy hat kein Netz, die Satellitenansicht des Gebiets ist nicht abrufbar. Außerdem ist das Hantieren mit Handy, Brille, Brillenetui und Fotoapparat umständlich. Es fehlt die Old-School-Wanderkarte aus Papier, der Kompass und Orientierung.

Der Pfad müsste nordwestlich bergauf verlaufen. Die gelben Wegweiser zeigen zum Parkplatz am Berggasthof. Und am See gibt es drei Wege, die in Frage kommen. Ein Ratespiel.

Der optisch ansprechendste Trampelpfad führt rechtsseitig eines winzigen Rinnsals durch Farne und Blätterpflanzen. Er endet aber schon nach kurzem in der Nähe eines Findlings. Der Boden ist bereits dick mit Laub bedeckt. Möglicherweise gibt es im Sommer Spuren vorangegangener Wanderer. Im Herbst jedenfalls nicht. Aber immerhin ein Gullydeckel mitten im Wald.

Gullydeckel

Schon die erste Bachüberquerung scheitert am klebrigen Morast. Die Schuhe saugen sich geradezu voll und wirken wie Sekundenkleber. Der befestigte Weg verläuft weiter oben und verlangt einen Umweg.

Forstweg statt Natur, das fühlt sich ein bisschen nach Feigheit an. Schließlich will ein Aussteiger von Maschinen und Fahrzeugen nichts wissen. Die Fahrrille ist tief, ein Unimog hat sich beim Wenden in den Waldboden eingegraben. Die Steigung beträgt 30%.

Zwischen den Bäumen, mit einer Militärplane getarnt, hat der Bauer halb verrostete Forstmaschinen im Wald versteckt. Er betreibt Holzwirtschaft, Waldmaschinen sind sein Steckenpferd. Saisonal beschäftigt er Lohnaushilfen, die aus Rumänien stammen. Früher kamen sie aus Polen.

schweres Gerät mit Plane versteckt

Außerdem hält der Bauer zwei Haflinger Rösser. Im Sommer weiden sie mit dem Jungvieh auf der Alm. Im Winter kommen sie manchmal dort bei der Holzarbeit zum Einsatz, wo die Maschinen versagen.

Jetzt im Herbst sind noch keine Kettensägen oder fallende Bäume zu hören. Laub und verdorrte Äste bedecken den Untergrund, ansonsten Hochwald. Auch kleinere Anstiege zu den Kuppen bieten keine bessere Übersicht.

Ausflügler stören die Natur

Der Wald wird lichter. Ein betonierter Rohbau einer neuen Alm auf einer Kuppe kommt zum Vorschein. Davor steht kopfschüttelnd ein Rentnerehepaar. „Wie man die Natur so verschandeln kann.“ sagen sie. „Überall Touristen.“ Verzweifelt stieren sie in den Wanderführer „Wandertouren für Langschläfer“. Sie sind am Joch umgekehrt, weil ein Schild am Gatter vor „Wilden Stieren“ warnt. Das ist ein wichtiger Hinweis.

Kuh vor Bäumen
Achtung bei Stieren

Der Bauer hat dieses Schild angebracht. Stimmt schon, dass die Jungstiere gefährlich sind. Aber das Schild hat er erst kürzlich aufgestellt. Es soll möglichst viele davon abhalten, das Almgebiet zu durchqueren. Vor allem die Moutainbiker durchpflügen mit ihren GPS-Geräten in ungeheurem Karacho das gesamte Isartal. Nicht nur, dass der Steg über den Bach von der Wucht der Radler schwer lädiert ist, der Bauer findet insgesamt, dass das Vieh Schaden nimmt. Die Fahrer werfen ihre Gefährte in die Wiese, springen zur Erfrischung kurz mal in den Bach und erschrecken die Kälber. Seit ihn einer der Radl-Rowdies verklagen wollte, weil eine Kuh über sein Mountainbike getrampelt ist, reicht es ihm. „Kein Trinkwasser – giftig“ heißt es nun auf einem zweiten Schild.

Im Aussteigerhimmel

Gegenüber, getrennt vom Brunnen mit der Viehtränke, duckt sich ein Steinhaus zwischen Hollunderbäume. Die Einsiedler-Alm steht unter Denkmalschutz, unverändert seit dem 19. Jahrhundert. Der Wald bedeckt die sanften Kuppen rund um die Weideflächen. Unterhalb des Gebäudes schlängelt sich der Bach.

Alm verschlossen bei der Ankunft
Die Fenster und das Gatter werden geschlossen, damit die Tiere nichts zerstören

Das Türschloss ist sperrig und falsch drehend. Es quietscht heftig. Die Fensterläden winterfest und verschlossen. Die geöffnete Eingangstür gibt schemenhaft den Blick auf eine Küche frei. Das ist das Herzstück des Gebäudes. Die Stube. Zum Öffnen der Fensterläden muss man sich durch die Dunkelheit voran tasten. Die Riegel sind schwer zu finden. Selbst als die Fenster weiter offen stehen, dringt nicht genügend Licht ins Gebäude. Die Augen gewöhnen sich zwar an die ewige Dämmerung, Details sind trotzdem nicht auszumachen. Immerhin gibt es Kerzen in rauen Mengen.

Auf dem Dielenfußboden ist deutlich eine Falltür zu erkennen. Darunter befindet sich ein Erdloch mit Deckengewölbe – der antike Kühlschrank. Im hinteren Teil befinden sich Regale für die Vorratshaltung, gleich neben der Treppe gammelt ungenutzt der Eiskeller vor sich hin. Dort hat man früher Eis im Winter eingelagert, das man dann im Sommer zur zusätzlichen Kühlung von Milch und Butter verwenden konnte.

Aussteiger-Proviant ist nicht leicht verderblich und muss nur zwei Tage halten. Auf Schmankerl wie Käse wurde verzichtet. Daher wird der Keller vorläufig nicht genutzt.

Aussteiger – Grundlagen

Vor der Tür sind Holzscheite aufgeschichtet. Ein ungeschriebenes Gesetz des Hüttenlebens verlangt, mindestens so viel Holz zu hacken, wie verbraucht wird. An der Außenwand lagert das Holz, das noch trocknen muss. Ein totaler Anfänger hat normalerweise keine Ahnung, wie Brennholz gemacht wird.

Die Axt schwingen und zielsicher den Pflock zu treffen, ist schwieriger als anzunehmen. Gefährlich kann es auch werden. Der Supergau: sich ins Bein hacken. Was dann, ohne Rettungswagen, ohne Notarzt? Aber auch Spreitzel in den Augen können verheerend sein.

Wie man es richtig macht, zeigt der Bauer, der zufällig gerade mit dem Traktor heraufgefahren ist, um die Tiere zu zählen.

Kühe scharen sich um den Bauern am Traktor
Der Bauer zählt täglich nach, ob die Tiere vollständig sind

Es kommt vor, dass sich ein Kalb verirrt. Vor Jahren ist eines im Bach ertrunken. Aktuell ist der Wasserstand sehr niedrig, der Brunnen, der normalerweise den Kühen als Tränke dient, ist so gut wie ausgetrocknet.

Holzhacken

Größere Äste und Stämme werden erst auf einem krippenartigen Gestell zersägt, so dass etwa 20 cm dicke Pflöcke entstehen. Die kommen auf den Hackstock. Die Axt muss beim ersten Hacken nur ein paar Zentimeter in den Klotz eindringen. Wichtig: Nicht quer, sondern von oben nach unten, in Richtung der Fasern spalten. Nun hängt der Klotz an der Axt. Ausholen und auf den Hackstock dreschen. So spaltet sich das Holz. Ist natürlich nicht unanstrengend, macht aber Spaß.

Feuer machen

Streichhölzer liegen parat. Der Wamsler-Herd ist zwar im Laufe der Zeit erneuert worden, sieht aber wie ein alter aus. Da ist die riesige Herdplatte aus geschliffenem Stahl. Daneben das Wasserschiff, auf Bairisch „Grandl“, für einen Mindestvorrat an Warmwasser. Unterhalb, neben der großen Herdtür wird im oberen kleinen Holzfach eingeheizt.

Das klingt einfach. Der erste Versuch, die soeben gehackten Scheite anzuzünden, stellt sich schnell als idiotisch heraus. Auch wenn Zeitungspapier darunter liegt, fangen sie kein Feuer. Nach mehreren vergeblichen Anläufen die Kapitulation. Letztlich hilft doch immer nur YouTube. Ein heruntergeladenes Video auf dem Handy kann lebensrettend sein.

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Heizen im Holzherd

Tipps

Logo Aussteigen
Holzfach öffnen
oberstes Türchen
$9
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Papier rein Holzspreitzel drauf
dünne Hölzchen
$9
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Luftzufuhr am Knauf regeln
oder 2. Türchen auf
$9
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Papier anzünden Minute warten
bis das Feuer brennt
$9
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Holzscheite aufs Feuer schichten
trockenes Hartholz
$19
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Mehr Holzscheite nachlegen
etwa alle 45 Minuten
$19
Wasser holen

In der Alm gibt es kein fließendes Wasser. Vor dem Stallgebäude steht zwar der Holzbrunnen, aber wegen der anhaltenden Dürre nur ein kärgliches Rinnsal lässt sich an die Oberfläche pumpen.

Bleibt nur der Weg an den Bach mit zwei Eimern. Arbeitszeit: 20 Minuten.

Gatter mit angedeutetem Weg zum Bach // Foto: Angela Achille
Wasser wird in Eimern geholt. / Foto: Angela Achille
Reduziert Kochen

Der mitgebrachte Proviant besteht aus einem Päckchen Nudeln, Dosenthunfisch, Dosentomaten und einer Zwiebel. Salz wurde vergessen, Öl auch. Vielleicht hilft ein Spaziergang, um das Mahl mit Schwammerl oder Kräutern ein wenig zu verfeinern.

Der Wamsler ist angefeuert, Wasser im Topf. Die Nudeln können kochen. Zwiebeln treiben eben roh in der Soße. Geht auch. Der Vorteil: Mäßigung, was einen Nachschlag angeht, kein Kalorienzählen nötig.

Abwasch und so weiter

Nach dem Abspülen das Wasser achtlos wegzuschütten, ist unklug. In Eimern zum Nachspülen vors Klo stellen, und schon ist ein Gang zum Bach eingespart. Die Einsiedler-Alm verfügt nämlich über eine Besonderheit, ein unglaubliches Luxus-Klo. Es unterscheidet sich von einer Stadt-Toilette nur in einem einzigen Punkt: die Spülung. Das gesammelte Abwasser wird aus dem Eimer als Klospülung benutzt. Hinter dem Klofenster befand sich früher ein Misthaufen, heute die Versitzgrube.

Kleidung könnte nur mit der Hand gewaschen werden. Viel Arbeit wiederum: Feuer machen, Wasser holen, Wasser kochen. Daher gilt auch hier: Weniger ist mehr. Vieles lässt sich abbürsten. Dresscode gibt es keinen. Wettertauglichkeit vor Schönheit.

Schlafen in der Dunkelheit

Der erste Ausstiegstag war anstrengend. Nicht erst bei Sonnenuntergang wird es blitzschnell kalt und klamm. Das Feuer ist natürlich ausgegangen, weil die Suche nach Nahrungsmitteln in freier Natur ergebnislos blieb. Nach dem langen Tag, dem mühsamen Aufstieg und dem zweiten Anlauf mit dem Wamsler, ist es nicht weiter tragisch, wenn die Unterhaltungseletronik nicht verfügbar ist. Tragischer ist die stockfinstere Nacht und der Umgang mit den Kerzen. Auf der Einsiedler-Alm gibt es ausreichend Schlafmöglichkeiten für eine Großfamilie.

Während des zweiten Weltkriegs haben sich wohlhabende Münchner zur Sommerfrische auf der Alm eingemietet, um der Lebensmittelknappheit zu entgehen. Von den Bauern konnten sie Milch und Eier kaufen, Mehl war auch da. Daher war Kuchen der Hauptbestandteil des Speisezettels. Sonst wäre die Milch schlecht geworden. Marie Antoinette sei verziehen, es gibt Zeiten, zu denen das Volk Kuchen essen muss.

Pächter ab den 1920er Jahren
Pächter ab den 1920er Jahren

Nicht einmal das gemütliche Doppelbett kann zum Klettern in den oberen Stock mit einer brennenden Kerze verlocken. Vor allem dann nicht, wenn ein nächtlicher Toilettengang über die extrem steile Treppe führt. Dann lieber die Nacht in Nähe des Herdfeuers verbringen.

Knackendes Holz, Wind in den Bäumen, unidentifizierbare Vogelschreie und seltsames Bellen können beängstigen. Wenn im Stockdunkeln ungewohnte und unheimliche Geräusche ans Ohr drängen, ist an Schlaf nicht zu denken. Die flackernde Kerze macht den Grusel perfekt. Jeder Schatten eine Spinne. Und einen Staubsauger gibt es auch nicht.

Alpträume und finstere Gedanken nähren sich an der grusligen Atmosphäre. Aussteigen ist nicht so leicht wie gedacht. Auch nicht für ein Wochenende.

Duschen und Haare waschen

Der Morgen beginnt trüb in jeder Hinsicht. Bodennebel liegt auf der Senke, der Stall ist kaum zu sehen. Jetzt zum Brunnen hinüberzugehen, verlangt schon Selbstdisziplin. Bis zum Bach hinunter ist es weit. Kalt außerdem. Dusche gibt keine. Alternativen: Im eiskalten Bach baden oder dreckig bleiben. Bei einem längerfristigen Aufenthalt wird das Haarewaschen zum Problem. Ein wesentlicher Bestandteil des Testwochenendes.

Aussteigen mit Solarduschen
Outdoor-Duschen

Verschiedene Campingspezialisten bieten mobile Outdoor-Duschsysteme an. Praktisch und erschwinglich sind Solarduschen. 20 Liter Wasser werden in einen schwarzen PVC-Beutel gefüllt und von der Sonne erhitzt. Manche Modelle liefern einen Duschkopf, andere eine Fußpumpe mit. Der Behälter wird an einem Baum oder Türrahmen aufgehängt. Wenn die Sonne scheint, dauert es ungefähr drei Stunden, bis die Wassertemperatur bei 40 Grad liegt. Schöne Sache, aber mit zwei Nachteilen. Erstens hätte man sich vorab die Solardusche bei Amazon bestellen müssen. Zweitens scheint die Sonne nicht.

Zeit

Geduld ist eine Tugend. Obwohl der Städter eng getaktet ist, hat auch ein Aussteiger einen Stundenplan. Vor allem am Morgen. Dass es keinen Coffee-To-Go gibt fördert die Entschleunigung, macht aber auch keine gute Laune. Nicht unbedingt ein Plus auf der Pro-und-Contra-Liste.

Frühstück

20 Minuten
Wasser am Bach holen
$9
45 Minuten
Feuer machen
$9
2 Minuten
Grandl auffüllen
$9
15 Minuten
mehr Wasser kochen
$9
5 Minuten
Haare auf der Wiese waschen … brrr
$19
2 Stunden
frierend Tee trinken
$19

Der Abschied vom Ausstieg

Obwohl der Wochenendaufenthalt nur sehr kurz und bruchstückhaft beleuchten konnte, wo die Schwächen und Unwägbarkeiten eines Ausstiegs aus der Konsumgesellschaft erkennbar werden, hat es sich gelohnt, den Test durchzuführen. Beim Zusammenpacken für die Abreise sind einige Dinge zu beachten. Kein Cleaning Service wird klar Schiff machen. Kein Host wird nachsehen, ob die Tür verschlossen wurde. Somit ist auch an diesem Punkt zusätzlich Zeit einzuplanen.

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Nicht vergessen

Auschecken

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Feuer aus
Aschebehälter im Herd ausleeren
$9
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Geschirr
abwaschen trocknen Tücher aufhängen
$9
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Kerzen
im Eingangsbereich sammeln
$9
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Axt + Säge
müssen ins Haus
$9
Alm-Logo
Müll
stinkt. weg damit
$19
Alm-Logo
Fegen
besenrein
$19
Alm-Logo
Fenster zu
Läden verriegeln
$19
Alm-Logo
Gatter zu
Kuhfladenalarm
$19
Alm-Logo
Absperren
wegen Vandalismus
$19

Auch wenn der Abschied schwer fällt, trödeln ist dumm. Der Abstieg von der Einsiedler-Alm führt nicht toujours bergab. Da ein Joch überschritten werden muss, beginnt der Rückweg mit einem längeren und steilen Aufstieg. Um den Wendelstein-Ring-Bus zu erreichen, muss jenseits der Kuppe eine andere Almwiese durchquert werden.

Der Forstweg ist zwar nicht sehr romantisch, aber angenehm und direkt. Nach einer Stunde führt er aus dem Wald und endet an der Tatzelwurmstraße. Eine andere Welt. Nach nur zwei Tagen ist der Abstand zur Zivilisation so groß, dass der Landhaus-Chic des Hotels gegenüber der Bushaltestelle wie eine Ohrfeige wirkt. Von Ayurveda bis Spa ist alles geboten. Wie eine Karikatur der Einsiedler-Alm die Einrichtung.

Ernüchternd auch der Blick auf den Busfahrplan. Der letzte Bus nach Brannenburg steht mit 16:25 Uhr auf der Tafel. Die Aussicht auf einen zweistündigen Fußmarsch zum Bahnhof Oberaudorf wird bei einsetzender Dunkelheit nicht zum krönenden Abschluss, womöglich zum Ausstieg aus dem Ausstieg.

Ausstieg vom Ausstieg

Zufällig fährt gerade eine verspätete Wanderin in ihrem Ford Focus vom Parkplatz. Trampen ist auch eine Möglichkeit. Daumen hoch für Daumen raus. Die Dame ist freundlich und verständnisvoll. Sie wohnt in der Nähe und fährt am nächsten Bahnhof vorbei. „Ich bin extra hier raus gezogen, weil ich ein ruhigeres Leben wollte. Ich arbeite in München und muss mit der Bahn ins Büro fahren. Ich bin immer im Stress. Einmal hab ich sogar verpasst, an der Haltestelle auszusteigen. Hier den Bus zu verpassen, ist blöd. Der fährt nur zweimal am Tag.“

Tatsächlich fährt der Bus nur im Sommer, vom 18. Mai bis zum 3. November. Beinahe wäre aus dem Test ein echter Ausstieg geworden. Dem Bauern ist der Bus wurscht. Er ist froh, wenn der Bus keine Wochenendaussteiger bringt. Der Bauer will nämlich gar nicht weg. Sein Hof, seine Alm, sein Wald und seine Viecher – das ist seine Heimat.

Beinahe wäre aus dem Test ein echter Ausstieg geworden.

Fazit:

Nur die Umsetzung einer Idee kann Schwächen in der Planung und die verschobene Selbstwahrnehmung ans Licht bringen. Schmachvoll ist die Erkenntnis, dass nicht nur der Beruf stressen kann, sondern auch das einfache Leben. Also: Öfter aussteigen und weiter üben.

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