Gleichtakt

Ausstieg aus dem Hier und Jetzt

Tanzen ist eine Zeitsache. Ganz klar: Rhythmus und Takt, Einklang von Musik und Körper. Tatsächlich kann Tanz eine Art Wurmloch sein, das die Zeit anhält und wie ein Ausrufezeichen aus dem Alltag reißt. Die Auszeit von der Jetztzeit.

Das ist jetzt so und war immer so. Zu jeder Zeit und allerorts haben Menschen sich in eine Trance gedreht oder stampfend Kontakt mit Regenwolken, Viehherden oder Fußballteams aufgenommen. Wichtig, da wie dort, ist die Loslösung vom Hier und Jetzt. Millionen träumen sich mit Science-Fiction-Fimen in die Zukunft oder beamen sich durch Romane in die ferne Vergangenheit und zurück. Aber immer nur passiv.

Warum also nicht aktiv zeitreisen? Weil das nicht geht? Doch, es geht! Der Königsweg in die Vergangenheit ist der historische Tanz durch die Jahrhunderte.

Historische Tänze

Tanzanleitung Bourée

Pavane

Schreittanz , 16. bis 17. Jh.
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Branle

Reigen, Tanzrichtung nach links, 16. Jh.
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Gaillarde

Springtanz , 16. Jh.
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Basse danse

Schreittanz 15. und 16. Jh. ohne Sprünge
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Allemande

„Hupfauf“ im Dreiertakt, ab 16. Jh.
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Courante

Gesellschaftstanz, 16. bis 18. Jh.
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Menuett

Gesellschaftstanz von 17. bis 18. Jh.
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Sarabande

Tanz im Tripeltakt, 17. bis 18. Jh.
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Quadrille

Kontratanz mit vier Paaren, 19. Jh.
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Was ist historischer Tanz?

Der Begriff „Historischer Tanz“ ist erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden und umfasst verschiedene Stile aus mehreren Epochen. Damals kam ein neues Geschichtsbewusstsein in Mode. „Alte Musik“ wurde auf nachgebauten Instrumenten rekonstruiert und da lag die Erforschung der dazugehörigen Tänze nahe.

Problem: Kein YouTube. Wie kann man wissen, wie ein Tanz aussieht, wenn keine Filme existieren?

Tatsächlich ist dieses Problem ungelöst. Denn im Altertum und im Mittelalter wurden die Tänze von Tänzer zu Tänzer weitergegeben. Direkt und unmittelbar. Zwar gibt es Momentaufnahmen von Tanzenden auf Gemälden und oft werden Tänze in historischen Quellen dem Namen nach erwähnt. Aber der Ablauf eines Tanzes ist abhängig von der Musik, dauert eine gewisse Zeit, und kann nicht in einem Standfoto festgehalten werden. Tanz ist etwas Flüchtiges.

Tanzgruppe // Foto: Jan Hettler
Tanz im Schloss / Foto: Jan Hettler

Rekonstruktion ist möglich

Die gute Nachricht: Es gibt Aufzeichnungen. Ab dem 15. Jahrhundert hielten Tanzmeister die Schritte und Figuren in Tanznotationen fest. Das Standardwerk überhaupt heißt John Playford „The English Dancing Master und wurde zwischen 1651 und 1728 vielfach aufgelegt und erweitert. Mit Abstand die beliebteste Formation ist der „Longway for as many as will“.

Buchcover "The English Dancing Master" von 1651
John Playfords Standardwerk war 77 Jahre lang ein Bestseller

Playford-Tänze sind oft Gassentänze. Und zwar nicht, weil sie in Gassen und Straßen getanzt werden. Auf dem Kontinent nennt man diese Tanzform Contredanse, in England Country Dance. Typischer Fall von Fehlübersetzung, jedoch nicht falsch. Das „Gegeneinander-Getanze“ stammt ursprünglich aus England und erfreute sich großer Beliebtheit in Stadt und Land.

Die Paare stellen sich hintereinander auf: Herren links, Damen rechts. Zwei Paare tanzen miteinander Figuren und rücken danach vor. So kommt es, dass alle mal mit allen zusammenkommen und zusätzlich sieht das Ganze schön aus. Von oben betrachtet fast wie ein Kaleidoskop.

Reenactment

Was ist das? Beim Reenactment geht es darum, eine vergangene Epoche historisch so korrekt wie möglich darzustellen. In Michaels Fall ist die Zeit des Rokokos gemeint, das 18. Jahrhundert.

Das Video zeigt: Beim Reenactment geht es um jedes Detail

Michael Lang pflegt ein teures Hobby, nämlich sein Alter Ego Carl Ludwig von Poellnitz. Seit 2005 tanzt, spricht, isst und kleidet er sich wie sein adliger Vorfahre. Er ist ein Reenacter.

Ursprünglich wollte Michael mit seiner Frau Marion einfach tanzen gehen. Doch die Enttäuschung beim ersten Ballbesuch war groß: schlechte Tänzer in billiger Straßenkleidung. Auf der Suche nach einem festlicheren Event stieß Michael auf historische Bälle. Das erfüllte seinen Wunsch nach angemessener Ästhetik. Aber bei historischen Bällen wird historisch getanzt. Und nur rumstehen wollte das Ehepaar Lang nicht. Also lernen, üben, weitermachen. „Bei meinem ersten Ball sah ich aus wie eine Vogelscheuche“, erinnert sich Michael. Bessere Kleidung musste her. Michael nähte für seine Frau Schnürbrüste und Rokokogewänder, für sich selbst Röcke und Uniformen, sogar ein Zelt für die Jagd. Anwendung findet das Equipment überall in Europa. Die Rokoko-Community trifft sich in angemieteten Schlössern, beispielsweise zum Diner.

Historisches Diner // Foto: Club Rocaille
Für das historische Diner war ein ganzes Jahr Vorbereitung erforderlich / Foto: Club Rocaille

Da werden historisch akkurat die Speisen des Zeitalters gekocht, angerichtet und standesgemäß serviert. Hühner etwa wurden damals mit den Füßen gebraten. Für solch ein Fest braucht die Reenactment-Köchin ein ganzes Jahr an Vorbereitung. Auch die Gäste müssen sich vorbereiten, damit alles stimmt. Der Hausherr reicht den Tee, verteilt die Suppe und tranchiert das Fleisch. Das will alles gekonnt sein. Später spielen die Musikanten zum Tanz. Parliert wird auch. Wortwahl und Themenfindung ist da von Bedeutung.

Wie es ist, sein eigener Vorfahr zu sein

Michael entschied sich früh für die Darstellung eines Adligen. „Ein Von und Zu, so einer war doch auch mein Großvater,“ dachte er und nannte sich nach ihm Carl Ludwig von Poellnitz. Dass noch ein anderer Karl Ludwig von Poellnitz im 18. Jahrhundert existiert hatte, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Und dass jener Karl Ludwig einen reichen Schatz an Gesprächsstoff mit sich bringt, erfuhr er dann auch erst zufällig. Michael wunderte sich zunächst über die Anspielung „Einem galanten Sachsen kann ich das nicht verwehren“, denn er ist kein Sachse. Jedoch: „Das galante Sachsen“ hieß ein Bestseller, den Michaels Ahne von Poellnitz 1734 geschrieben hat. Es war nicht sein einziges Werk. Der alte Karl Ludwig war Krimiautor, Reiseschriftsteller und Klatschreporter in Personalunion. Und ewig pleite.

Carl Ludwig von Poellnitz // Foto: Michael Lang
Michael Lang als Carl Ludwig von Poellnitz

Das ist eine satte Grundlage, wenn man eine Epoche darstellen will. Vorgaben und Futter in allen Bereichen. Wenn alles passt, dann ergibt sich ein historisch einwandfreies Gesamtbild. Und dann entstehen die Momente, die eine andere Wirklichkeit heraufbeschwören: ein anderes Leben in einer anderen Zeit.

Geerbte Leidenschaft als Hinterlassenschaft

Mike Cresswell hat von seiner verstorbenen Frau Lilo nicht nur Ordner voller Fotos und Erinnerungen geerbt, sondern auch eine ganze Tanzgruppe.

Tanzgruppe "Tanz durch die Jahrhunderte" // Foto: Jan Hettler
„Tanz durch die Jahrhunderte“ / Foto: Jan Hettler

Lilos Geschichte ist die einer Frau aus München, die auszog, um eine Welt zu erobern. Die Geschichte einer Frau, die sich für Geschichte und Kunstgeschichte interessierte, als Reiseleiterin nach Griechenland fuhr und dort ihre englische Liebe traf. Die Geschichte eines Mädchens, das nicht ins Ballett durfte, weil sie keine höhere Tochter aus begütertem Hause war und trotzdem tanzte. Schottisch, mit ihrem englischen Mann. Das war der erste Streich. Mit dem Scottish Country Dance, der Contredanse-Figuren beinhaltet, waren die Weichen gestellt. Sogleich folgte der zweite Streich. Ein historischer Tanzkurs bei den Landhuter Hofmusiktagen führte in die nächste Dimension. Die Fusion aus Tanz und Geschichte entfesselte eine ungeahnte Energie. So kam es zum nächsten Streich. In kürzester Zeit spann Lilo ein Netz um sich, organisierte eine Ballnacht im Schloss Nymphenburg, engagierte Musiker und Tanzlehrer, trat in Museen und beim Stadtgründungsfest auf. In dieser Zeit gründete sie die Tanzgruppe „Tanz durch die Jahrhunderte“. Das waren nicht nur 7 auf einen Streich, sondern viel, viel mehr.

„Es war ein intensives und anstrengendes Leben, Jahre ohne freies Wochenende“, erzählt Mike Cresswell. Als Lilo 2010 starb, war das wie eine Vollbremsung. „Ich war knocked out und völlig überfordert“. Doch die Mitglieder von „Tanz durch die Jahrhunderte“ drängten Mike, weiterzumachen. Aber wie? Lilo hinterließ auch als Tanzleiterin ein Loch.

Dame und Herr im 18. Jh.

geht gar nicht

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Tanzgruppe // Foto: Jan Hettler

Faschingskostüme

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Tanzgruppe // Foto: Jan Hettler

Epochengemische

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Tanzgruppe // Foto: Jan Hettler

Polyester-Perücken

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Tanzgruppe // Foto: Jan Hettler

falsche Schuhe

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Tanzgruppe // Foto: Jan Hettler

Handy beim Tanzen

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Glücklicherweise übersiedelte die Holländerin Nicolle Klinkeberg aus Liebe nach München. Sie unterrichtet mittlerweile trimesterweise Tänze aus der Renaissance, dem Barock und dem 19. Jahrhundert. Wie einst Lilo organisiert heute Mike Cresswell Tanztees und Auftritte, macht bisweilen auch selbst in Gewandung als Tanzmeister mit. Und noch immer pflegt er die Bibliothek mit Tanzanweisungen und den Recherchen seiner Frau.

Schönheit von Musik und Bewegung

Bei Nicolle Klinkeberg geht es um den Tanz. Per se. Und professionell. „Der Tanz zeigt die Epoche , selbst wenn der Tänzer Jogginghosen trägt“, findet sie. „Historischer Tanz lebt von der Imagination.“ Die Schönheit des Tanzes rührt von der Dynamik her, die sichtbar wird. Das ist nicht auf einen bestimmten Tanzstil beschränkt. Nicolle, die auch Volkstanz unterrichtet, erlebte das hautnah mit, als sie in Bulgarien vier abgearbeiteten, alten Bäuerinnen zusah, die voller Stolz die Tänze ihres Dorfes präsentierten. Obwohl die Damen schon kaum mehr die Füße heben konnten, tanzten ihre Körper in einer perfekten Spannung und Schönheit. „Es wirken die Menschen, nicht die Äußerlichkeiten.“

Nicolle Klinkeberg //  Foto: Friedrich Müntjes
Nicolle Klinkeberg hat als Binge-Listener die gesamte Musikgeschichte durchgehört / Foto: Friedrich Müntjes

Nicolle stammt aus dem Süden der Niederlande. Ihr Großvater war von Haus aus Stuckateur. Veränderungen der Wirtschaftslage zwangen ihn irgendwann in den Bergbau, damit er seine Familie ernähren konnte. Harte Zeiten. Trotzdem war immer Musik im Haus. Eine wichtige Erfahrung, aus der ein Standpunkt erwuchs. Nicolles Eltern fanden: „Lieber etwas studieren, was dich wirklich interessiert. Vielleicht kommt es hart nach, aber dieses Studium nimmt Dir niemand mehr weg.“ Alle ihre Kindererhielten Klavierunterricht und Nicolle studierte Musikwissenschaften in Utrecht. Beim Binge-Listening – die gesamte Musikgeschichte vom Mittelalter bis heute im Schnellverfahren – entdeckte sie ihre Liebe zum Barock. „Partys haben mich nicht interessiert,“ sagt Nicolle. „Small Talk hab ich bis heute nicht gelernt.“ Aber der Tanz war neben der Musik ihr Ding und so war der Schritt zum historischen Tanz nicht groß.

Geometrie und perfekte Eleganz

Die große Liebe – und nicht nur die zu Musik und Tanz – hat sie dann nach München gelockt. Ein glücklicher Zufall, denn die Welt des historischen Tanzes ist klein, auch in München. Historischen Tanz findet man üblicherweise in Gegenden mit großer Schlossdichte. Die Anwohner spielen dort gern ihre lokale Geschichte nach und locken mit Tanzaufführungen in edler Gewandung die Touristen an. Braucht München nicht. Die Touristen kommen sowieso. Die Kenntnis historischer Tänze bezieht der gemeine Münchner aus Jane-Austen-Filmen. Sieht im Kino elegant und schön aus, aber kann man das auch lernen?

John Playford // Wikipedia

Playford Figuren

Tanznotation Playford

Lead up and down

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Tanznotation Playford

Set and turn

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Tanznotation Playford

Siding

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Tanznotation Playford

Dos-à-dos

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Mühle

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Hecke

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Kette

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Arm tour

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Eltern schicken ihre Kinder ins klassische Ballett, Teenager und Erwachsene lernen Standards, Salsa oder Tango und Moves auf den Dancefloors. Den historischen Tanz kennt keiner, denn fehlt es aber an einer „Infrastruktur“. Er gehört an Tanzschulen selten zum regulären Angebot, es gibt keine Ausbildung zum historischen Tanzreferenten, man kann ihn kaum auf professionellem Niveau auf der Bühne sehen.

Wer historischen Tanz in seinen verschiedenen Stilen attraktiv findet und sich ein Bild von den Bewegungen und den Formen machen will – ein Bild, das über das Kostüm hinausgeht – für den bleiben nur eine Handvoll Kurse, Workshops und Seminare. Zum Glück gibt es den Early Dance Calendar, der auflistet, was europaweit angeboten wird. Für Nicolle bedeutet es, dass nicht nur sie oft eine Reise antritt, sondern auch dass die Teilnehmer an ihren Kursen manchmal von weit her kommen. „Gut, dass ich solche Dinge vorher nicht immer mitkriege. Da würde ich mich noch mehr unter Druck setzen“.
Druck macht sie sich sowieso. Sie ist eine Perfektionistin…. Perfekt wären die perfekten Bewegungen, die perfekte Symmetrie in perfekter Harmonie. So geht schön.