LARP

Was ist LARP?

Gronland Saga 2017 // Foto: Moritz Jendral

LARP steht für Live Action Role Playing. Rollenspiel also. Aber nicht im beheizten Wohnzimmer am Computer. Und auch nicht allein.

LARP wird zusammen gespielt, sogar in ganzen Gruppen. Und fast immer draußen, an der frischen Luft. Die Spieler haben keinen vorbestimmten Text, denn der wird spontan erfunden wie beim Improvisationstheater. Action ist auch dabei: tagsüber Schlachten, in der Nacht Überfälle auf fremde Lager, Besäufnisse und Brummschädel.

Bleibt nur noch die Frage, von welchen Rollen da die Rede ist.

Tatsächlich eilt LARP-Spielern der Ruf von weltfremden Nerds vorraus. Da rennen Verkleidete durch den Wald und schlagen mit Plastikschwertern aufeinander ein. Es ist gut so, dass die Masse so denkt. Ein Segen. So bleiben die Spieler unter sich und die Arschlöcher weg. Denn das Hauen und Stechen findet beim LARP als Spiel statt. Im Leben eben nicht. Das ist der Unterschied.

Basti Böger alias Connorson McRoth von den Bracar Keltoi, Larp-Kämpfer mit Augenverletzung //Foto Marco Winter
Basti Böger alias Connorson McRoth von den Bracar Keltoi // Foto: Marco Winter

Die Wahrheit ist: Sehr coole Menschen treffen sich bei einer Con (Spielevent) und lassen eine Atmosphäre von Zusammenhalt und Freundschaft entstehen, die es sonst nirgends gibt. Das Gegenteil von nerdigen Keyboard-Kriegern, die ihre Pickel und Komplexe hinter dem Computer verstecken. Sondern so cool und so selbstbewusst, dass es einem die Schuhe auszieht.

Beispielsweise Basti Böger alias Connorson McRoth von den Bracar Keltoi, eine 50-köpfige Spielergruppe aus München. Sie sehen genau so aus, wie man sich Larper vorstellt – nur viel, viel besser. Wild wie die Kelten. Imposant gerüstet. Unerschrockene und ungestüme Kämpfer.

Die Larp-Spielergruppe Bracar Keltoi
Bracar Keltoi (Foto: Marco Winter)

Das Familienfoto erinnert an „Vikings“. Der Stolz der Bracar Keltoi spiegelt sich in jedem einzelnen Gesicht wider. Kein Wunder, denn nicht jeder kann einer von ihnen sein. Voraus geht eine einjährige Bewährungsprobe und ein Aufnahmeritus, der durchaus fordernd ist. Er fördert die Freundschaft, schweißt zusammen und untermauert das oberste Klan-Gesetz: Wer lästert, der geht. Gemeinsam haben sie über 100 Schlachten geschlagen und wild und ausgiebig gefeiert. Das kommt dem Urbild, das in der Antike von den Kelten gezeichnet wurde, sehr nahe.

Beim LARP bestimmt der Spieler seine eigene Rolle

Da tun sich Welten auf. Der strukturierte Manager wird zum fluchenden Landsknecht, die Kindergärtnerin zum Revolverhelden. Warum nicht mal ein Leben ausprobieren – weit weg vom Alltag? Mit der Gefahr verhält es sich genauso. Die Vernunft verbietet es den meisten Menschen, sich in extreme Situationen zu begeben und ihr Leben zu riskieren. Für den Larper ist ein Tod nicht tragisch, denn der gefallene Krieger kann als Ork wiederauferstehen. Im Spiel dürfen Fehler gemacht werden, neue Lebenssituation werden ausprobiert.

Aus einem Leben werden viele. Das Gegenteil zum Real Life, wo Entscheidungen eine Unsumme an Folgen nach sich ziehen. Wenn ich mich mit einem echten Messer schneide, bleibt eine Narbe – ein Leben lang. Bei einer LARP-Schlacht wird der Schmerz nur gespielt, das Blut ist künstlich und die Heilung geht schnell. So entsteht Freiheit. Die Freiheit, Fehler machen zu dürfen, ohne lebenslang dafür büßen zu müssen. Adrenalin pumpt trotzdem. Weit mehr als bei einem Online-Gamer.

Alles, was man dafür braucht, ist: Fantasie. Was ursprünglich in den 1970er-Jahren als Pen&Paper-Würfelspiel am Wohnzimmertisch entstand, sieht heute so professionell wie ein Filmset ohne Drehteam aus. Bei Groß-Cons (Conventions) wie Conquest of Mythodea oder dem Drachenfest treffen sich bis zu zehntausend bewaffnete Kämpfer und verkleidetes Fußvolk fünf Tage lang zu epischen Schlachten. Gruppen schließen sich zu Verbänden zusammen und verteidigen sich gegen Eindringlinge aus anderen Gegenden der fiktiven Landkarte und Anhänger fremder Mächte. Dabei gibt es keine hundertprozentig Bösen oder Guten. Auch keine Sieger im sportlichen Sinn. Selbst wenn manche Masken aus Vorlagen wie „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ zu stammen scheinen, kann klischeehaftes Nachspielen nicht bestehen.

So wie im Film verhält es sich nicht, denn es gibt keine bis ins Detail festgelegten Szenen oder formulierte Dialoge, die gesprochen werden. Es existiert ein Plot, ein grober Handlungsstrang und ein Setting, nämlich der Spielort und das Genre. Diese Komponenten und auch die Größe der Cons sind so vielfältig wie das Kino. Die Kulissen können Burgruinen oder Industriereviere sein. Es wird von Western bis Science Fiction, von Fantasy bis Endzeit alles gespielt. Etwa wie bei der Bluthatz 2018 von Larporga.de. Die Klans sammeln sich in Nordgaard, einem eigens angelegten LARP-Dorf, um das erste Blut des Jahres zu opfern.

Das Larpdorf Nordgaard // Foto: Marco Winter

In der großen Halle, dem Langhaus, treffen sich am Abend des Anreisetages die Mitwirkenden zur Orga-Ansprache und einen Begrüßungsschluck. Wer jetzt an Neckermann-Reisen denkt, der liegt falsch. Der Small Talk ist bereits Spiel.

Das Spiel ist unvorhersehbar

Spielen heißt nicht nur, mit Waffen aufeinander loszugehen. Action ist zwar schon dabei, aber die Akteure treten gleichzeitig in einem Open-Air-Improvisationstheater ohne Publikum auf. Und hierin liegt auch die Faszination. Man stelle sich vor: Du kannst in deinem Lieblingsfilm mitspielen, die Handlung beeinflussen und in jeder Sekunde fühlen, was passiert. Du fühlst die Kälte, wenn du das Herdfeuer in der großen Vikings-Halle hast erlöschen lassen. Du brichst zusammen unter dem Gewicht deiner Rüstung, wenn du kilometerweit durch den Wald marschierst. Und anders als beim Reenactment weißt du nicht, was in zwei Stunden sein wird, denn die Handlung entwickelt sich unvorhersehbar. Wichtig ist, dass du nicht aus der Rolle fällst, dass du den Spielfluss nicht unterbrichst.

Als Held anzutreten, kann gewaltig in die Hose gehen. Ein Held braucht ein Gefolge, das ihn zum Helden macht. Wer in goldener Rüstung erscheint, der sollte etwas bieten können, denn ein Angeber entlarvt sich selbst ganz schnell als Pappnase und steht einsam im Wald, weil keiner mit ihm spricht.

Schönes Spiel bedeutet, glaubhaft zu bleiben und anderen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen. Lieber episch sterben als mit dem eigenen Sieg das Spiel aller zu beenden.

Lieber episch sterben als mit dem eigenen Sieg das Spiel aller zu beenden // Foto: Marco Winter

Die Spieler-Charaktere, genannt SC, können bei Cons wahlweise als Gruppe antreten oder auch einzeln. Sie legen sich ihre eigene Vita zurecht. Das kann sogar so weit gehen, dass erfundene Sprachen gesprochen werden. Wer einen Schamanen spielt, muss als solcher überzeugend agieren können. Beiwerk wie nebelige Trancedämpfe oder durch Blitze sprinkelnde Zauberstäbe werden in wochenlanger Hausarbeit vorbereitet, damit der Auftritt gelingt.

Auch mit den Kostümen hat ein Vollblutlarper vor einer Con viel zu tun. Die Verkleidungen sind oftmals selbst gebastelt, geschneidert oder umgestaltet und extrem wichtig: Kleider machen Leute. Das bedeutet natürlich einiges an handwerklichem Geschick und viel Zeit. Dazu kommen noch Grundkenntnisse in Maskenbild und viel Kampftraining an der LARP-Waffe. Die Waffen sind ein kritischer Aspekt. Sie sollen natürlich niemanden verletzen und dennoch möglichst echt aussehen. Deshalb werden Waffen aus den Materialien Fiberglas und Latex hergestellt. Die LARP-Regeln verbieten nicht nur echte Waffen, sondern auch sämtlich anderen Formen von Brutalität. Falls ein Spieler psychisch in Bedrängnis gerät oder auch unvorhergesehene Gefahr für Leib und Leben entsteht, kann jedermann das Spiel, sogar eine ganze Schlacht unterbrechen, indem er „Stopp“ ruft oder die Arme zu einem X überkreuzt. Dann ist OT angesagt, time out. Kommt vor, wenn jemand als Gefangener schon lange in der Dunkelheit eines Verlieses schmort und nahe am Nervenzusammenbruch steht. Oder wenn die Angreifer Kämpfer auf einen Stacheldrahtzaun zutreiben. Schließlich wollen Freund und Feind nach der Schlacht unversehrt feiern und Bier trinken.

Weit mehr als Theater

Das beliebteste LARP-Genre ist neben Fantasy sicherlich Endzeit, die das Überleben nach einem Atomkrieg beleuchtet. Science Fiction, Western und Vampire fordern wiederum andere Qualitäten Ein Tanztraining tut gut, Fitness schadet auch nicht. Außerdem sollte man schon grob wissen, welche Benimmregeln in welche Zeit gehören.

Noch weiter entfernt von Orks und Elfen erscheint das so genannte Nordic LARP, das schon fast an Psychotherapie und Familienaufstellung erinnert. Julia Gögh spielt seit 12 Jahren LARP, und selbst sie findet Nordic LARP heftig. Beispiel: Es trifft sich eine Gruppe Professoren nebst Gattinnen bei einer Party, die 1957 stattfindet. Kleidung, Sprache, Frauenrechte und politische Hintergründe müssen natürlich recherchiert und im Spiel umgesetzt werden. Dann aber hören die Spieler im Radio, dass eine Atombombe gezündet wurde, und müssen in den Bunker. Was dort passiert, wie sich wer verhält in seiner Rolle, das geht natürlich unter die Haut und ist ein traumatisches Erlebnis. Reflektion und Austausch ist in diesem Fall unerlässlich.

In Nord- und Osteuropa erfreut sich dieses Genre höchster Beliebheit. In Tschechien wurden eine Handvoll Spieler als versprengte Soldaten nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die Wälder geschickt. Ganz auf allein gestellt, versuchten sie, unentdeckt zu bleiben und ohne Hilfe der Kälte und Wildnis zu entkommen. Die Spieler erfuhren bei ihrer Rettung, dass es sich um eine wahre Geschichte handelte und die echten Soldaten nicht überlebt hatten.

Klingt nicht wie ein normales Hobby. Ein Larper lernt nähen, schmieden, Hütten bauen und viel Geschichte und Psychologie. Dazu lässt er sich ständig auf Neues ein und geht mit Siegen und Versagen um. Mentales Wachstum. Das ist kein Hobby, das ist groß.

Larp-Kampf // Foto: Moritz Jendral
LARP

Live Action Role Play

Untoter // Foto: Moritz Jendral

SC

Spieler-Charakter
$9
Untoter // Foto: Moritz Jendral

NSC

Nicht-Spieler-Charakter
$9
Untoter // Foto: Moritz Jendral

IT

IN TIME – im Spiel
$9
Untoter // Foto: Moritz Jendral

OT

OUT TIME – außerhalb des Spieles
$9
Untoter // Foto: Moritz Jendral

Con

Convention
$19
Untoter // Foto: Moritz Jendral

Plot

Handlungsstrang
$19
Untoter // Foto: Moritz Jendral

Orga

Organisation – Veranstalter einer Con
$19