Bäuerin im nächsten Leben

Ein Leben hoch oben auf dem Berg ist der Traum vieler Städter. Auf einer Alp in der Schweiz kann er wahr werden. Wie es wirklich ist, erzählt eine Begeisterte.

Lene Jünger vor dem Schild "Am Baum des Lebens wachsen viele Augenblicke. Jeder einzelne ist kostbar!"
„Wenn ich nochmal leben könnte, würde ich Bäuerin werden wollen.“ – Lene Jünger

Lene Jünger ist 57 Jahre alt. Nach dem Abitur hat sie zunächst an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert und eine Schreinerlehre gemacht. Neben Aufenthalten als ehrenamtliche Erntehelferin in Südtirol war sie mittlerweile vier Sommer, also jeweils 100 Tage, als Älplerin in der Schweiz.

Was fasziniert dich am meisten an dem Leben auf der Alm?

Natur, immer draußen sein, sich um die Tiere kümmern, kein Auto, kein Fernseher, kein Computer.

Woher kam die Idee, auf einer Alm zu arbeiten?

Das war ein Zufall. Ich hatte einen Kollegen beim Messebau, der im Sommer auf eine Alm wollte und mich gefragt hat, ob ich mitgehe. Und dann hat es mich gepackt. Ich hatte schon immer eine Affinität zu Tieren.

Wie oft warst du schon auf einer Alm?

In der Schweiz war ich vier Mal. Dort heißt übrigens eine Alm „Alp“. Außerdem habe ich auch mal bei der Südtiroler Bergbauernhilfe mitgemacht. Das ist ein Freiwilligenprojekt, eine Vermittlung von Arbeitskräften. Die Bergbauern haben so wenig Geld und die Arbeit ist so hart, deshalb gibt es im Internet eine Plattform. Du meldest dich an und du bekommst eine Auswahl von möglichen Höfen genannt. Du suchst dir einen aus und umgekehrt schicken sie dem Bauern dein Profil, damit der sieht, ob das passt. Auf dem Hof bekommst du ein Zimmer, Familienanschluss, Kost und Logis. Bei meiner Familie war das grenzwertig. Der Bauer war komisch. Die ganze Zeit wurde gestritten. Es hat mir nicht so gut gefallen. Zum Glück dauerte mein Aufenthalt nur drei Wochen und ich war froh, als es vorbei war.

Was ist anders auf einer Alp in der Schweiz?

In der Regel bleibt man 100 Tage auf der Alp. Das ist ein Richtwert, der vom Wetter abhängt. Es kann auch länger dauern. Sobald es zu schneien beginnt, gehen die Viecher runter. Ganz allein war ich noch nie auf einer Alp, wir waren immer zu dritt. Es gibt natürlich Jungviehalpen, da wären schon zwei Älpler überflüssig. Dort geht es nur darum, dass du schaust, dass kein Vieh fehlt, alle gesund sind und keines abstürzt. Ab und zu musst du vielleicht einen Weidewechsel machen. Aber ansonsten ist da nicht viel zu tun. Da ist eine Person ausreichend, nur zäunen und Holz machen.

Ein arbeitsreiches Leben

Holz vor der Alm
Holzhacken ist eine tägliche Arbeit

Hast du eine Ausbildung gebraucht?

Normalerweise sprichst du mit dem Bauern, wenn du dich für eine Alp interessierst. Da wird der Arbeitsumfang schon konkret genannt. Entweder gehört die Alp einer Alpgenossenschaft. Das sind dann mehrere Alpbauern, die sich zusammengetan haben. Oder wie in meinem Fall, hat die Alp einer Familie gehört. Die suchen sich andere Bauern, um die Flächen zu bestoßen. Der Bauer geht mit dem Älpler die Weiden ab und sagt an, wo die Zäune hingehören. Das Zäunen gehört bereits zur Arbeit des Senners.

Welche Aufgaben hat der Senn?

Käsen. Ich kann selber nicht käsen, nur zuarbeiten. Eine Sennerei, das würde mich nicht so reizen. Da stehst du den halben Tag in der Käseküche. Dazu kommt noch die Käsepflege. Also viel im Innenbereich. Der Hirte geht auch melken. Zäunen und Weidenpflege sind allgemeine Aufgaben.
Für die Weidenpflege verwenden manche Älpler Gift, wir haben das Unkraut stattdessen abgesenst. Disteln und Placken, also Ampfer, wird vergiftet oder abgesenst. Die Kühe haben bestimmte Liegeplätze und dort häufen sich die Kuhfladen. So gedüngt wächst dort viel Ampfer und breitet sich extrem aus. Dann wächst an diesen Stellen nichts anderes mehr, was die Kühe fressen könnten. Deswegen muss man den Ampfer im Zaum halten. Außerdem gibt es eine Distelart, die sich hartnäckig ausbreitet. Wenn die ins Heu gerät, fressen die Kühe das Heu nicht mehr. Andere Giftpflanzen, dem Enzian ähnlich, sollen sich auch nicht ausbreiten. Da gehst du mit der Sense los und senst das alles ab, bevor es ausblüht.

… aha

Da gibt es schon Unterschiede im Umgang mit der Sense. Ich kann das auch nicht so gut. Aber du musst nicht ganze Wiesen sensen, sondern nur die Ampferfelder. Da braucht man nicht großartig sensen können.

Welche Aufgaben hattest du noch?

Kühe und Ziegen melken, Stall ausmisten. Das Melken hat mich am meisten herausgefordert. Die Alp, auf der ich 2018 war, hatte ein anderes Melksystem als andere. Der Kuh wird ein Gurt umgespannt. In den Gurt kommt eine Art große Teekanne, die wird eingehängt. Wenn sie voll ist, musst du sie wieder aushängen. Das ist vom Gewicht her und auch von der Hebebewegung ein blöder Vorgang, der viel Kraft erfordert und den Rücken stark mitnimmt. Das war mir bei unserer besten Milchkuh zu schwer.

Heißt das, es gab Melkmaschinen auf der Alm?

Ja. Mit der Hand eine Kuh leer zu kriegen, dauert bei Ungeübten ewig. Deshalb werden Melkmaschinen verwendet. Ich melke die Geißen mit der Hand. Das hab ich auf einem Bauernhof gelernt. Ich bin einfach zu einem Bauernhof gegangen und hab gesagt: „Ich geh auf eine Alm und muss vorher melken lernen. Könnt ihr mir das beibringen?“ Die Bäuerin hat geantwortet: „Ja, kommst gleich mit.“

Wenn ich mein Leben lang auf der Alp wäre, wäre es sicher auch anders. Die zeitliche Begrenzung ist wichtig. Nach drei Monaten ist es wieder vorbei.

Alm im Herbst
2018 wurde das Wasser knapp. Ein Problem bei der Käseherstellung.

Wie steht es mit Körperhygiene? Haarewaschen? Duschen?

Unterschiedlich, je nach Alp. Ich war schon auf einer vollkommen luxuriösen Alp mit ganz normaler Dusche und ganz normalem Klo, warmem Wasser und so. Auf meiner letzten Alp gab es nur ein Plumpsklo, schwarze Camping-Duschbeutel, die man in die Sonne legen kann und danach einen dünnen Strahl zum Duschen bekommt. Zum Haarewaschen muss man das Wasser warm machen. Ansonsten muss man sich halt so waschen. Man wäscht sich nicht so viel. Man riecht es auch nicht mehr, wenn man stinkt. Es stinkt sowieso immer alles nach Tier. Da wird man unempfindlich. Das ist der allgemeine Alpgeruch.

Warst du einsam?

Auf meiner letzten Alp waren wir zu dritt auf zwei Hütten. Ich hatte eine Hütte für mich. Am Ende des Tages konnte ich mich also immer in meine Hütte zurückziehen. Ich fand das angenehm, man hockt sowieso so viel aufeinander. Wenn man ganz alleine oben ist, ist das aber sicher ganz anders. Gerade wenn man Jungvieh hat, gibt es da genug Zeit zum Nachdenken. Bei uns war das anders. Wir hatten so viel Arbeit. Da stehst du um 5 Uhr auf und bist um 9 Uhr abends frühestens wieder in der Hütte. Und dazwischen ist toujours Arbeit, bis auf eine Mittagspause oder mal einen Kaffee. Immer wenn du kurz frei hast, musst du Holz machen. Es gibt immer irgendwas zu tun. Etwas reparieren, die Weiden pflegen, die Zäune kontrollieren, die Viecher kontrollieren, Melken, Stall misten, Schweine versorgen, Hühner versorgen. Auf der letzten Alp hatte ich sogar eine schnatternde Schar von sieben weißen Gänsen, die sind mir überall nachgelaufen sind. Total lustig.

Wie wichtig war das Wetter?

Wenn es mal einen Tag zwischendurch regnet, ist das sogar angenehm. 2018 hatten wir einen heißen Sommer. Sogar bei uns oben auf der Alp ist das Wasser knapp geworden. Die Milch muss für die Verarbeitung erst im Brunnenwasser gekühlt werden. In dem Jahr ist das Wasser gar nicht mehr kalt geworden und zum Teil versiegt. Wenn es aber eine Woche oder sogar drei Wochen regnet, dann kann das schon an den Nerven zerren. Dann ist immer alles nass, selbst wenn du zwei Paar Bergschuhe hast, hilft das nichts. Du steigst immer wieder in die nassen Schuhe rein. Nachts ist das Bett klamm und kalt. Das ist nicht schön.

Gibt es Unterhaltung auf der Alp?

Fernseher oder so vermisst man nicht. Das Abendessen ist frühestens um neun Uhr fertig. Dann isst du und fällst ins Bett. Du bist einfach müde. Und dann stehst du um fünf wieder auf. Manchmal wird sogar noch vorbereitet für den nächsten Tag.

Wieviel hast du verdient?

Meine Bezahlung war eine Mischung aus Geld und Naturalien, ein Käsekonto sozusagen. Ich habe 1800 € für die drei Monate bekommen, also 600 € im Monat. Dazu kommt Kost und Logis. Man kommt aber nicht dazu, irgendetwas auszugeben. Und des Geldes wegen macht das keiner. Es gibt ja immer weniger Alpen, weil sich keine Leute mehr finden, die für Monate da hinauf gehen. In der Schweiz wird der Großteil der Alpen mit Deutschen besetzt. Die Schweizer selbst machen das nicht, bei der harten Arbeit. Es ist sehr, sehr streng (Schweizerdeutsch für anstrengend), es sind lange Tage. Und dann noch so schlecht bezahlt.

Wie ist das Essen, wenn man nichts einkaufen kann?

Hängt davon ab. Es gibt erschlossene Alpen, wo man mit dem Auto rauf und runter fahren kann. Ich selbst war nur auf solchen, wo man zu Fuß raufgehen muss. Es gibt entweder Materialseilbahnen, mit denen du die Lebensmittel rauftransportieren kannst. Auf manche Alpen fliegt zu Saisonbeginn der Hubschrauber die Lebensmittel für den ganzen Sommer rauf. Da bist du dann schon eingeschränkt. Frische Sachen gibt es dort nicht. Außer du kriegt Besuch und die Leute bringen dir was mit. Und die Bauern versorgen dich, wenn sie raufkommen. Die kommen öfter mal, weil sie nachschauen, ob es den Viechern gut geht.

Warum gefällt dir das Leben auf einer Alp?

Man ist zwar nicht wirklich unabhängig, es gibt ja Anweisungen vom Bauern oder Senn, aber man fühlt sich unabhängig. Es fühlt sich an, als gäbe es keine äußeren Zwänge. Natürlich muss ich die Kühe holen, ich muss die Kühe melken und den Stall sauber machen, aber es ist anders, weil es mit den üblichen Arbeitsprozessen so wenig zu tun hat. Ganz wichtig sind die Tiere. Obwohl die auch mal bockig und störrisch sind, aber es gibt da keine zwischenmenschlichen Konflikte. Man kann irgendwie sein eigenes Ding machen. Wenn ich mein Leben lang auf der Alp wäre, wäre es sicher auch anders. Die zeitliche Begrenzung ist wichtig. Nach drei Monaten ist es wieder vorbei. Danach haben mir die Tiere am meisten gefehlt. Ich habe mich um einen Melkjob im Münchner Umland umgeschaut. Das war aber nicht dasselbe.

Hattest du keine Probleme?

Es ist schwer für mich, um Hilfe zu bitten. Es ist immer zu viel Arbeit da, die will man nicht den anderen überlassen. Andererseits neige ich dazu, mich zu überfordern. Daraus erwachsen wiederum Konflikte. Da fragt man sich oft: „Warum muss jetzt ausgerechnet diese Arbeit jetzt gemacht werden? Kann das nicht später sein?“. Dann stellt man in Frage, was die anderen entscheiden. Den ganzen Sommer so nah aufeinander, da entstehen Konflikte. Aber bei uns hat es gut geklappt. Wir haben uns immer wieder gut zusammengerauft.

Es gibt keine Flucht aus der Gegenwart.

Landkarte // Foto: Stefanie Giesder
Selbstfindung ist ein Schmarren

Wolltest du aussteigen?

Ein wichtiger Impuls für einen Almaufenthalt ist natürlich, das Drumherum zurückzulassen. Bei der Rückkehr ist es schwer, sich wieder in das normale Leben einzufügen.

Zu sich selbst finden?

Ich halte das für einen totalen Schmarren. Man findet sich da nicht selber. Wenn man ganz alleine auf einer Alm ist, kann es schon sein, dass du dich mit dir selbst konfrontierst. Viele wollen ja auf eine Alp, weil sie sich die Lösung von grundsätzlichen Problemen erhoffen. Das findet aber nicht statt.

Ist das Leben auf der Alp eine Zeitreise?

Von wegen gute alte Zeit. Es ist eher umgekehrt. Mir wurde bewusst, dass die gute alte Zeit nicht wirklich gut war. Dass es wahnsinnig anstrengend gewesen sein muss. Wahnsinnig harte Arbeit. Das ganze Gefüge damals muss ja auch furchtbar gewesen sein. Der Bauer in Südtirol beispielsweise war zum zweiten Mal verheiratet. Die neue Frau kam aus so einem Kaff in der Nähe und hatte zwei behinderte Geschwister dabei. Was da genau war, haben sie verschwiegen. Der Bauer wurde eh schief angesehen, weil er die Bergbauernhilfe in Anspruch nimmt. Sein Nachbar hat den Bauern dann aus Neid fertig gemacht, weil ich die Wiese nicht perfekt gesenst hab. Da gibt es noch unglaublich viele gesellschaftliche Zwänge und Regeln. Da schaut jeder, was du machst. Die haben mittlerweile ihre kleinen Webseiten, wo sie ihre Ferienhäuser anbieten. Da schauen die Bauern aus der Gegend bei den anderen nach, ob beim Nachbarn schon alles ausgebucht ist. Neid und Missgunst halt. Mit den Webcams auf den Seiten gab es auch Probleme, weil die Polizei online die parkenden Autos vor der Wirtschaft kontrolliert hat. Was so idyllisch wirkt, ist auch nicht mehr so.
Es gibt keine Flucht aus der Gegenwart.

Anmerkungen

Alp = Alm in der Schweiz . Senn = Älpler, der Käse macht . Bestoßen = Tiere auf die Alp bringen Dafür erhalten Bauern Fördergelder

https://www.stmelf.bayern.de/landwirtschaft/berglandwirtschaft/index.php