Nachhaltig sterben

Waldfriedhof
Friedlich und achtsam – der Waldfriedhof in München

Du willst nach einem Leben in Achtsamkeit der Erde keinen Haufen Müll hinterlassen? Du hast ja keine zweite Chance, wenn dein Bestattungsarrangement ein Fehlkauf war. Am besten, du stellst die Weichen schon jetzt. So wird weder die Erde noch deine Familie belastet.

Denn eins ist sicher: Du stirbst. Jeder stirbt irgendwann.

Die gute Nachricht: Du kannst mit deinem Tod das Klima retten. Nachhaltigkeit beim Sterben ist möglich.

Was genau kannst du tun? Gesund sterben.

Darauf hast du natürlich keinen Einfluss. Aber je giftiger dein Körper, desto schädlicher dein Leichnam. Spätestens nach 25 Jahren sollen deine Überreste restlos verdaut sein. Auch wenn du vorbildlich lebst, verseuchst du die Erde, wenn du mit Rückständen einer Chemotherapie begraben wirst. Ersatzteile wie Herzschrittmacher und Implantate verbleiben auch nach der Verwesung im Boden und werden allenfalls die Archäologen der Zukunft erfreuen.

Leichen können wahre Giftfässer sein. Grundwasser und Erdreich sollen beim Verwesungsprozess nicht leiden

Du willst nackt gehen, allenfalls in Tüchern? Geht nicht.

Immer noch gibt es eine Sargpflicht, für den Transport zum Friedhof und für die Erdbestattung. Auch wenn du dich verbrennen lassen willst, brauchst du einen Sarg. Das überrascht die meisten. Seit Ende 2019 existiert für Muslime und Juden eine Ausnahmegenehmigung zur Bestattung in Leintüchern aus religiösen und „weltanschaulichen“ Gründen. Das gilt aber nur fürs Einbuddeln. Aufbewahrung und Transport in Leintüchern geht trotzdem nicht.

Du willst dich verbrennen lassen?

Auch da gilt die Sargpflicht für den Transport und die Einäscherung. Für das Kremieren lohnt es sich gar nicht, einen Baum zu töten und 1500 Euro für den Sarg auszugeben, denkst du. Genaugenommen nur für einen Tag. Den Sarg sieht womöglich keiner außer den Leichenfahrern. Verstorbene drei Tage lang zu Hause aufzubahren, ist seit langem aus der Mode gekommen. Selbst ein offener Sarg in der Leichenhalle ist kaum mehr zu finden. Normal hingegen: Im Krankenhaus sterben, vom Bestatter ins Krematorium gebracht werden, Wochen später die Urnenbeisetzung. Der Sarg wird zusammen mit dem Verstorbenen im Krematorium verbrannt. Alles läuft wie am Fließband. Zwar respektvoll, aber effizient. Nachhaltig ist es nicht.

Nachhaltigkeit beim Material

In der Friedhofssatzung der Stadt München ist sowieso die Verwendung von Särgen aus Vollholz vorgeschrieben. Sie dürfen die physikalische, chemische und biologische Beschaffenheit des Bodens und des Grundwassers nicht nachteilig verändern. Das gilt auch für Urnen. Bestelle also nicht blind im Internet.

Denn auch Vollholz-Särge stammen oft aus Sargfabriken, wo sie wie ein IKEA-Schrank aus vorgefertigten Bauteilen in nur 10 Minuten zusammengesetzt werden. Woher das Holz kommt, ist schwer nachzuvollziehen, vor allem bei den Mahagonimodellen.

Nachhaltigkeit durch Doppelnutzung

„Ist doch schade um den schönen Sarg“, sagt Lydia Gastroph von „w e i s s über den tod hinaus“. Nachhaltigkeit bedeutet für sie Wiederverwendbarkeit und Doppelnutzung. Bei Särgen ist das schwer vorstellbar. Doch nicht, wenn man die Särge schon vor dem Tod verwendet. Mit ein paar Einlegeböden zaubert Lydia aus dem aufgestellten Sarg einen Schrank für Pullover, Bücher oder was auch immer. Die Schranksärge, die sie anbietet, sind bis ins Innerste nachhaltig und extrem schön dazu. Zeitlos, gewissermaßen. Neben dem Schranksarg gibt es auch Sargtruhen oder flache Särge, die als Sitzbank verwendet werden können.

Eine Doppelnutzung macht besonders Sinn, wenn du dich sowieso lieber verbrennen lassen willst. Nachdem du jahrelang einen Schrank genutzt hast, wird er nach deinem Tod als Sarg mit dir als Inhalt zum Krematorium transportiert. Du wirst samt Sarg lautlos in den Ofen gefahren, wo der Schamotte rot glüht. Bei 850 Grad Hitze entflammt sich dann der Sarg von selbst. Die Asche wird anschließend von nicht abbaubaren Rückständen wie Implantaten, Titanplatten oder Sargnägeln befreit, gesiebt und gemahlen.

Das Krematorium füllt die verbleibenden etwa drei Kilo Asche in eine versiegelte Aschekapsel. Das ist ein Behälter aus Kartoffelstärke, der wie ein schwarzer Plastik-Topf mit Schraubdeckel aussieht. Biologisch abbaubar, aber schön ist die Aschekapsel nicht. Deshalb gibt es Urnen. Sie umhüllen die Aschekapsel und können auch schon im Leben Verwendung finden. Bei „we i s s“ sind es Kunstobjekte, Unikate aus Keramik, Holz, Filz oder Hanfpapier. Nebenbei taugen einige als Keksdosen oder Blumenvasen. Ihnen ist eins gemeinsam: Sie sind Meisterwerke und sie haben ihren Preis.

Für die Schranksärge werden nur heimische Hölzer verwendet. In München baut ein Schreiner in Sendling den Sarg. Sehr lokal und ohne lange Transportwege. Du kannst dir deinen Schranksarg in Natur oder in Farbe bestellen. Schließlich soll er lebenslang als Möbelstück in deiner Wohnung verbleiben. Behandelt wird mit Pigmentölen und Naturfarben, alles abbaubar und von heimischen Herstellern. Die Griffe kannst du an- und abschrauben. Sie bestehen aus handgeschmiedetem Eisen, dürfen also mit in die Erde. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Bei Billigsärgen wird bisweilen sogar Spritzgussplastik verwendet.

Nackt kommt auch niemand in die Kiste. Für die Sargausstattung gelten in München Anforderungen, die der Umweltverträglichkeit dienen. Beispielsweise Matratzen und Kissen, die mit einer Art Maischips gefüllt sind und gern von Mäusen gefressen werden.

Du willst lieber leben als für deinen Tod sparen?

Wer gar kein Geld ausgeben kann oder will, zimmert sich den Sarg eben selbst. Das ist erlaubt, wird aber kaum gemacht. Stephan Alof, der Unternehmenspartner von Lydia Gastroph, erzählt: „Wir hatten letztes Jahr hier im Glockenbachviertel einen Sterbefall eines 9-jährigen Jungen, der verunglückt ist. Der Vater hat mit Freunden zusammen den Sarg selbst gebaut. Das ist Trauerarbeit. Das ist Psychotherapie.“

Alles in allem ist das Sterben teuer. Mit allem Pipapo können leicht 30 000 Euro zusammenkommen. Stephan denkt gerade über das Waldorfschulen-Prinzip (Anm: Reiche finanzieren Arme) für Begräbnisse nach. So müssten mittellose Künstler sich nicht auf anonyme Bestattungen ohne Grabstein oder Grabplatte beschränken.

Grabsteine sind teuer und ein weiteres Nachhaltigkeitsthema. Recycling, Upcyling und Grabmalpatenschaften werden angeboten. Steinmetze bedauern, dass die hochwertigen Natursteine nicht weiterverwendet werden.

Möglicherweise sind Grabsteine ohnehin bald überholt. Der Trend geht zum Baumbegräbnis. Überraschend ist die Geschwindigkeit, mit der etwa der Waldfriedhof diese Entwicklung aufgegriffen hat. Aber Bäume und Wald war schon seit über hundert Jahren das Konzept des Waldfriedhofs. Als Park und grüne Lunge soll das Areal auch der Erholung dienen.


Überall gibt es Bienen im Waldfriedhof. Die Insektenhotels werden offenbar nicht so sehr frequentiert.
Weil es keine Grillplätze und Biergärten gibt, trägt die große Ruhe auf den ausgedehnten Freiflächen und Wiesen zum Erholungswert bei.

Im Waldfriedhof tritt der Friedhofscharakter deutlich in den Hintergrund. Die Pfade führen durch kleinere Grabfelder zu Baumgräbern, großen Langgraswiesen mit anonymen Urnengrabstätten, Biotopbereichen, einem See und schattenspendendem Wald. Die klassischen Gräber werden wie überall mit Blumen bepflanzt. Sie spenden Nahrung für Bienen und andere Insekten. Die werden ganz offensichtlich gehegt und gepflegt auf dem Gelände. Überall stehen Bienenstöcke und Insektenhotels.

Blumen sind auch bei der Begräbnisfeier wichtig. Grabschmuck jenseits von Gebinden oder Trauerkränzen stellt die Weihenstephaner Fachschule für Blumenkunst her, wo auch Wiesenblumen oder Herbstlaub Verwendung finden.

Wozu brauche ich überhaupt ein Begräbnis?

Die zentrale Frage für Stephans Trauerrede ist: „Was war das für ein Mensch?“

Diese Frage ist der Ausgangspunkt für alles. Nachhaltigkeit bedeutet für Stephan vor allem, dass ein geliebter Mensch nicht einfach lieblos verschwindet.

Stephan hat lange in der Palliativmedizin gearbeitet. „Ich habe weit über tausend Menschen in den Tod begleitet. Tod in der Intensivstation bedeutet, eine Viertelstunde später bist du weg in der Kühlung. Da gibt es nicht die Möglichkeit, in Ruhe Abschied zu nehmen.“

Dabei soll der Tote, sein Leben und das Begräbnis nachhaltig in Erinnerung bleiben. Stephan unterstützt die Hinterbliebenen, damit auch ungewöhnliche Vorstellungen eines Abschieds umgesetzt werden können.

„Es ändert sich gerade ganz viel. Meine Generation wird in den nächsten 10-15 Jahren ihre Eltern bestatten. Meine Generation hat ganz andere Bedürfnisse an eine Bestattung als unsere Elterngeneration. Für mich gilt: Ich lebe im Glockenbachviertel. Ich liebe in diesem Glockenbachviertel. Ich arbeite in diesem Glockenbachviertel. Warum muss ich auf den Ostfriedhof? Ich denke an Guerilla-Begräbnisse, aber das ist nur ein Spaß. Warum kann ich nicht da, wo ich lebe, auch bestattet werden: hier in meinem Viertel? Lokal bleiben, Baulücken suchen, Kirchen, die irgendwann zugesperrt werden – das werden unsere neuen Begräbnisstätten.“

Das wäre Nachhaltigkeit bis zum Schluss.

www.gastroph-alof.de

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