Zu Fuß nach Lissabon

nachhaltig reisen mit dem Fotografen Moritz Jendral

Moritz Jendral
Moritz Jendral machte sich im Herbst auf seinen Fußmarsch, der ihn 2200 km durch Frankreich, Spanien und Portugal führte

Zu den beliebtesten Zielen im Segment Städtereisen gehört Lissabon. Die Flüge sind billig und dauern nur etwa drei Stunden. Kurz ins Wochenende und Montag pünktlich zur Arbeit wurde noch vor wenigen Jahren von einer ganzen Generation BWL-Studenten als ultimativer Lifestyle betrachtet. Heute ist das verpönt.
Flugshaming führt zu alternativen Fortbewegungsmodellen. Ob Segelschiff oder Schusters Rappen – wir müssen eine neue Art des Reisens ausprobieren.

Wie ist es wirklich ist, klimagerecht zu reisen, zeigt der Münchner Fotograf Moritz Jendral.
Theoretisch weiß jeder, dass Pilgern wie im Mittelalter die persönliche CO2-Bilanz erheblich nach unten korrigiert. Aber Theorie und Praxis sind zwei Paar Wanderstiefel. Moritz hat begriffen: „Wir sind viel zu schnell unterwegs. Alles braucht seine Zeit“. Darum ist er 2200 Kilometer von Frankreich nach Lissabon zu Fuß gegangen. Über fünf Monate war er unterwegs. Dabei hat er mit seinen kleinen Schritten nur winzige ökologische Fußabdrücke hinterlassen und ein bisschen das Klima gerettet, aber vielmehr hat diese nachhaltige Reise einen nachhaltigen Abdruck in seinen Kopf hinterlassen. Es war seine Heldenreise, sagt er.

Wir müssen unser Leben ändern

Reisen zu Fuß ist eine Herausforderung


Die Ausgangssituation für Moritz war ein Leben mit zuviel Stress, zuviel Strom, zuviel Arbeit am Computer anstatt Sport.
Ausstieg aus der Beengung und ein freier Blick auf sich und die Welt sind also das Ziel. Aber kein neuer Stress mit Pathfinding oder Survival-Training. Eine lange Strecke zu Fuß ist Herausforderung genug.

Wie hart ist es wirklich?

„Ich konnte nicht mehr stehen. In den ersten vier Wochen habe ich mich abends ins Bett gelegt und auf mein Hemd gebissen. Die Füße haben so geschmerzt, als würde jemand meine Knochen brechen.“
Blasen hat Moritz nicht bekommen. Er schwört auf wright socks, gute Schuhe und eine Creme. Geht aber auch ohne, zum Beispiel barfuß wie eine Tschechin, die von Prag nach Spanien gewandert war, allerdings mit viel Hornhaut.

Alle Wetter hautnah

Aus der beheizten Bude das Klima zu retten fühlt sich deutlich anders an als Hitze, Kälte und Gegenwind. 25 km mit 15 kg Gepäck bei unterschiedlicher Steigung und nur sechs Stunden Tageslicht sind eigentlich genug. Als Unwetter und ein Hurrikan eine Brücke unterspülen, kann sich schnell ein Umweg von 10 km auftun und er muss bewältigt werden. Der Rucksack bremst im Wind, die Nässe geht durch und durch. Hilft nichts. Im Sommer bei 38 Grad Hitze von Schatten zu Schatten springen ist ja auch kein Zuckerschlecken.

Kälte und Regen können zermürben – eine Erfahrung, die der Durchschnittsstädter nicht macht.

Meine Entscheidung

Wenn ich denke „der Tag wird Kacke“, weil es regnet oder der Hunger auf die Laune schlägt, dann wird es garantiert ein Kack-Tag. Ein ironisch-humoriges „Juhu, es regnet“ bringt einen Lacher. Dann kann ich akzeptieren, wie es ist und den Flow finden. Und wenn es trotzdem zu hart kommt, kann man sich geistig immer noch wegbeamen.

Erwartungen werden enttäuscht. Grundsätzlich so. Biblische Weisheit.
Leckeres Essen und ein warmes Bett können Anreize sein, sich bei völliger Erschöpfung bis ans Etappenziel zu schleppen. Es kann anders kommen: Herberge zu, schlechter Koch.
Oder auch besser als gedacht: Weggefährten oder zufällige Bekanntschaften finden – alle trinken gemeinsam einen Rotwein, Anis oder Portwein. Sie feiern sich selbst. Jeden Tag. Und dann wird erzählt. Vom persönlichen Crash, Krankheit oder Krise. Alle teilen alles und dann geht es weiter.

Vom richtigen Zeitpunkt

Ende September loszugehen hat einen Vorteil: Weniger Gedrängel. Pilgern auf dem Jakobsweg ist ja modern. Im Sommer beschreiten Tausende gleichzeitig denselben Camino. Nervig. Herbergen sind ausgebucht. Es ist heiß. Porsche-Pilger, die pünktlich in Santiago sein wollen.

Im Sommer ist der Jakobsweg überfüllt. Moritz startete seine Reise lieber im Herbst.


Moritz machte sein eigenes Tempo. Rentner joggten an ihm vorbei. Spontan bildeten sich aber auch Geh-Gemeinschaften. Manchmal für eine Etappe, manchmal für eine Woche. Doch gab es keine feste Formation oder Anführer. Wenn die Vorderen zu schnell gingen und die Entfernung zu den Hinteren zu groß wurde, mussten alle wie ein Wolfsrudel laut über die Bergkuppen heulen, um zu hören, ob noch alle dabei waren.

Kein Ballast

Moritz schickte 7 kg unnötiges Gepäck mit der Post nach Hause. Das Zelt, der Kochtopf, der Benzinkocher, das brauchte er nicht. Denn im Zelt zu übernachten, ist im Winter nicht möglich. Ganz schnell war klar: Einsamkeit ist ein Zustand, der nicht jedem taugt. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter. Hart, wenn man seinen Schweinehund im klammen Zelt mit nichts als sich selbst bekämpfen muss, findet Moritz. Das zusätzliche Gewicht, das sich aus dem Proviant ergibt, das Volumen eines wintertauglichen Schlafsacks, der Mangel an Toiletten und Duschen, Zelt auf- und abbauen – das macht Sinn im Sommer, im Winter schlechte Laune.

In den Herbergen kann man waschen, ist aber teuer. Wäsche zum Wechseln der durchschwitzten Wanderkluft und ein paar Lagen gegen Regen und Kälte schaden nicht. Pilger stinken oft. Hygienefreaks sollen daheim bleiben.

Der Weg ist das Ziel

Wer klimaschädliche Transportmittel vermeiden möchte, muss nur zurückschauen. Ausgetretene Pfade wie der Jakobsweg sind erprobt und erschlossen. Eine kluge Entscheidung für einen Anfänger, weil er für Fußgänger die nötige Infrastruktur bietet. Die Jakobswege sind in Etappen von durchschnittlich 25 Kilometern eingeteilt, die auch nicht an Autobahnen oder Schnellstraßen entlang führen. Überall gibt es Herbergen und Wirte, die an Fußgänger gewöhnt sind. Moritz wollte sich nicht mit Planung aufhalten, sondern so schnell wie möglich los. Deshalb entschied er sich für die Strecke von Lyon nach Lissabon.

Warum nicht fliegen?

Die Geschwindigkeit nimmt der Reise ihren Wert. Darum Schluss mit der Fastfood-Haltung, sagt Moritz. Dass er aus dem Flugzeug unterwegs nichts sieht, ist für ihn als Fotografen ein Hauptmanko. Frankreichs mittelalterliche Dörfer und Landschaften in allen Farben des Herbstes, Spaniens schneebedeckte Berge am Horizont und eine wilde Gischt an der Küste Portugals hat er mit der Kamera eingefangen. Insgesamt sind es 12 000 Fotos geworden. Du kannst bald eine Auswahl in einem Art-Reiseführer sehen, an dem Moritz momentan arbeitet. Wir halten euch auf dem Laufenden.Und die Erfahrung „Ich kann das. Ich habe es geschafft“, die ist echt nachhaltig.

Willst du noch andere Fotos von Moritz Jendral sehen?

moritz-jendral.de

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